07.01.2023

Unruh

Es gibt sie immer wieder, spannende Filme, die mit bekannten Sehgewohnheiten brechen. Begeistert sah ich heute Unruh im Luru-Kino in der Baumwollspinnerei. Der Film handelt im Grunde von Zeit, vom Rhythmus in einer Uhrenfabrik und der lokalen anarchistischen Bewegung.

Die Handlung ist sehr begrenzt, ein russischer Kartograf kommt 1877 in ein Schweizer Juratal, um eine neue Karte anzufertigen. Er möchte eine anarchistische Karte mit ortsüblichen Bezeichnungen, frei von staatlichen Einflüssen. Er kommt in einer Uhrenfabrik unter, dem größten Arbeitgeber des Ortes, wo eine anarchistische Bewegung im Untergrund wirkt. Jedoch kommt den Protagonisten keine zu große Bedeutung im Film zu, der Menschen eher als sich drehende Rädchen eines Uhrwerks zeichnet.

Wunderbar die technischen Aufnahmen vom Herstellungsprozess der Uhren, die Montage der Unruh im Uhrgehäuse erfordert absolut präzises Arbeiten mit Vergrößerungsgläsern, welche die Fabrikarbeiter:innen sich ins Auge klemmen. Die Uhren sind damals noch nicht sehr genau, es gibt mehrere Uhrzeiten im Ort, die Gemeindezeit, die Fabrikzeit und die Bahnhofzeit. Jeden Mittag kommt über den Telegrafen ein Synchronisationssignal, dann werden alle Uhren auf 12 Uhr gestellt.

Ebenfalls neu für mich die Stechuhr mit riesigem Einstell-Zeiger. So ganz klar war mir zwar nicht, was die Leute da einstellen, aber es erinnert mich an eine Szene aus dem Film Metropolis, wo eine ähnliche Konstruktion verwendet wird.

Eindrücklich waren auch die vielen Schweizer Bräuche und Eigenheiten, welche in den Film einflossen. Die Bewohner versammeln sich zum 400. Jahrestag der Schlacht bei Murten, um die Schlacht nachzustellen, die eine große Bedeutung in der Schweiz hat, konnte man doch den burgundischen Eindringling abwehren. Vorher singen sie aber noch die damals gültige Nationalhymne. Außerdem wird bei der Tombola ein modernes Repetiergewehr verlost und dann auch gleich bei einer Schießübung ausprobiert. Es gibt eine Wahl, zu der damals aber nur ansässige Männer zugelassen sind, welche die Gemeindesteuer entrichtet haben. Jedoch kam ein zugezogener wohlhabender Zürcher sehr schnell in den Genuss des Wahlrechts.

So war es eine schöne Erinnerung an meine Schweizer Zeit, und zugleich ein ambitionierter Konzeptfilm über Zeit.