Yuval Noah Harari – Homo Deus

Ein großartiges Buch, das einen fundierten Ausblick wagt auf die Zukunft der Menschheit. Yuval Noah Harari ist ein israelischer Universalhistoriker, der gerne die ganz großen Zusammenhänge ausdeutet. Seine These ist kurz gefasst, dass der Mensch im 21. Jahrhundert gottgleich werden möchte, also vom Homo Sapiens zum Home Deus.

Die Geschichte begann, als die Menschen Götter erfanden, und sie wird enden, wenn die Menschen zu Göttern werden.
Yuval Noah Harari

In der Vergangenheit waren die großen Geißeln der Menschheit Hunger, Krankheit und Krieg. Doch obwohl immer noch viele Opfer zu beklagen sind, lebt die Mehrzahl der Menschen heute ohne diese Missstände. Diese Feststellung mag befremdlich klingen, jedoch gehen im täglichen Nachrichtengewitter langfristige Verbesserungen meist unter. So gibt es weltweit immer weniger Menschen in extremer Armut, 2015 sank dieser Wert erstmals unter 10%. Ähnlich sieht es mit vielen anderen Kennzahlen aus. Einzige Ausnahme ist der Klimawandel, hier steigen die Emissionen von Treibhausgasen, mit vermutlich drastischen Folgen. Jedoch geht Harari darauf nicht näher ein, würde es doch seiner Argumentation entgegen laufen.

Erfolg gebiert Verlangen, und unsere jüngsten Leistungen drängen die Menschheit jetzt dazu, sich noch gewagtere Ziele zu setzen. Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein.
Yuval Noah Harari, Homo Deus

Ein aktuelles Beispiel für den Optimierungswillen ist die Geburt gentechnisch veränderter Zwillinge in China, durch einen kleinen Eingriff an ihrem Erbgut sollen sie immun gegen HIV sein. Nun ist die Empörung groß, aber es ist durchaus denkbar, dass besorgte Eltern in Zukunft bei ihren Kindern Erbkrankheiten ausschalten lassen und dazu HIV-Immunität und Alzheimer-Resistenz einbauen lassen. Dies sind alles kleine Schritte, die aber zusammen mit anderen eine allmähliche Veränderung des Menschen vorantreiben.

Animismus, Monotheismus, Humanismus

In einem kurzen Abriss der bisherigen Menschheitsgeschichte skizziert Harari das aktuelle Zeitalter als das des Humanismus. Dies bedeutet, dass der Mensch sich selbst auf die höchste Stufe stellt, seine Gefühle und Empfindungen. Das war in der Vergangenheit anders.

Noch unsere Vorfahren, die als Jäger uns Sammler lebten, waren Animisten. Sie nahmen sich selbst als gleichberechtigt zu Tieren und Pflanzen wahr, dazu kamen allerlei Naturgottheiten und Feen. Mich erinnert diese Sicht an die indianischen Ureinwohner Amerikas, ich besuchte im Rahmen eines Alternative Spring Breaks ein Gemeinschaftszentrum der Mohawk im Bundesstaat New York. Das Zentrum hatte zum Ziel, Sprache und Kultur der Mohawk zu bewahren. Für die meisten der heute lebenden Nachfahren war es ein besonderes Anliegen, die Dankesworte in ihrer eigenen Sprache sagen zu können. Darin geht es um den Dank an die Wasser, Fische, Pflanzen, Tiere, Bäume, Vögel, Winde, Donnerer, Sonne, den Mond, die Sterne, erleuchteten Lehrer und den Großen Geist (Schöpfer). Den Menschen wird im Schöpfungsplan nur eine Aufgabe zugewiesen, dankbar zu sein für das, was sie haben.

Der nächste Schritt kam mit der Agrar-Revolution und der Züchtung und Haltung von Nutztieren. Vorbei war das gleichberechtigte Nebeneinander, die neu entstehenden monotheistischen Religionen trugen dem Rechnung. Der Mensch war Gott untertan, stand aber über den Tieren und Pflanzen, denen keine Seele zugesprochen wurde. Wenn man nur Gottes Wort befolgte, gab es ausreichend Regen und gute Ernte.

Mit der Aufklärung und den Fortschritten in Naturwissenschaften und Technik begann vor ca. 300 Jahren das Zeitalter des Humanismus, Religionen spielten fortan eine untergeordnete Rolle. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, keine Gottheit steht über ihm.

Doch wie sieht die Zukunft aus? Was kann auf den Humanismus folgen?

Dataismus

Ein mögliches nächstes Zeitalter ist das der Algorithmen und Daten. Schritt für Schritt geben wir die Kontrolle über viele Entscheidungen an Computer und Algorithmen ab. Amazon kennt unsere Wünsche immer besser, vielleicht kommt schon bald jede Woche automatisch eine Lieferung mit den richtigen Lebensmitteln. Facebook kann mit einer ausreichend großen Anzahl an Likes ein exakteres Persönlichkeitsbild von uns entwerfen als unsere engsten Freunde. Die Wahrheit liegt also in unseren Daten, und der geschickten Auswertung derselben. Das neue Zeitalter könnte als Dataismus bezeichnet werden.

Ob es dann allerdings überhaupt noch Menschen braucht, ist eine andere Frage.