Faust I

Ein toller Theaterabend, der mir den Glauben an das Darmstädter Stadttheater zurück gegeben hat. Die Inszenierung interpretierte den alten, zeitlosen Text mit modernen Ausdrucksmitteln. Im Saal saßen zahlreiche Schüler, schick angezogen und in lebhafte Diskussionen verstrickt. Doch sobald das Licht ausging im, waren sie völlig gebannt und hingerissen. Mir ging es genau so.

Der Prolog im Himmel fand im Zuschauerraum statt. Mir war da sogar ein Zuschauer aufgefallen, der mit markanter Frisur zu seinem Platz eilte. Aber ich ahnte nichts, bis es dann dunkel wurde, und ein Zuschauer mit seinem Handy herumleuchtete. Was mich nervte, bis klar wurde, dass es Mephistopheles war, der mit dem Herrn sein anfängliches Zwiegespräch führte.

DER HERR
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?
Mephistopheles
Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.
DER HERR
Kennst du den Faust?
Mephistopheles
Den Doktor?
DER HERR
Meinen Knecht!
Mephistopheles
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
In der Studierstube
In der Studierstube

Danach die erste Szene des Stücks, in der Studierstube. Samuel Koch im Rollstuhl als Faust, so ziemlich alle anderen Darsteller saßen und standen auf Baumstämmen. Ein starkes Bild, wir alle sind Faust, unzufrieden mit dem Erreichten, wollen mehr. Die Baumstämme kann man als Bücherrücken sehen, oder als Umweltzerstörung. Wir haben uns die Erde untertan gemacht, thronen auf ihr, und haben immer noch nicht genug.

Faust
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

Nach abgebrochenem Selbstmord und Osterspaziergang taucht der Pudel auf, witzig inszeniert, Mephistopheles verführt Faust und schenkt ihm neue Jugend, neue Lebenskraft. Vor der Pause ein weiteres extrem starkes Bild, Faust (Samuel Koch) ist befestigt an Mephistopheles (Robert Lang), Arme und Beine aneinander gebunden. Ein bisschen wie ein Exoskeleton, dazu Club-Musik, ein paar fesche Hexen und Faust tanzt.

Faust, Mephisto und Gretchen
Faust, Mephisto und Gretchen

Im zweiten Teil dann Gretchen, Verführung mit Folgen, ruhiger inszeniert, und sehr ergreifend. Und während Faust sich auf der Walpurgisnacht vergnügt, nimmt das Unheil seinen Lauf, Gretchen eingesperrt und verurteilt als Kindsmörderin. Toller Abend, hat mal wieder richtig Spaß gemacht beim Zuschauen.

Faust
Samuel Koch (Gast), Christian Klischat
Mephistopheles
Robert Lang
Margarethe / u.a.
Katharina Susewind
Marthe / Hexe / u.a.
Yana Robin la Baume
Wagner / Valentin / Bauer / u.a.
Béla Milan Uhrlau
Bürgerchor
Statisterie des Staatstheaters Darmstadt, Theaterwerkstatt
Regie
Bettina Bruinier
Bühne und Kostüme
Mareile Krettek
Dramaturgie
Maximilian Löwenstein
Sounddesign
David Rimsky-Korsakow
Leitung Bürgerchor
Nike-Marie Steinbach
Kampfszenenchoreografie
Florian Federl