Stefan Zweig – Die Welt von Gestern

Zu meinen Vorsätzen für das neue Jahr gehört auf jeden Fall, mehr zu lesen. Also ganze Bücher statt der bruchstückhaften Textbrocken auf twitter und facebook. Es tut mir nicht gut, vor allem die unversöhnlichen politischen Diskussionen. Da sind die Meisterwerke der Belletristik doch eine bessere Alternative.

Und gleich das erste Buch kann ich wärmstens empfehlen, es handelt sich um die Autobiografie von Stefan Zweig, jenem Meister der feinen Charakterstudien, von dem wohl vor allem die Schachnovelle bekannt ist. Von ihm lese ich jetzt Die Welt von Gestern.

Schon der Beginn dieses Buches zog mich in seinen Bann, diese langen schönen Sätze, die Bescheidenheit des Erzählers:

Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, dass es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel musste sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt wird, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war.
Stefan Zweig, Die Welt von Gestern

Stefan Zweig schrieb es 1939 bis 1941 im Exil, kurz vor seinem Suizid. Und man kann auch verstehen, was ihn zu dieser Tat trieb, seine Welt war untergegangen, hinweggefegt von zwei Weltkriegen. Seine Kindheit verbrachte er im Wien der Kaiserzeit, herrlich die Beschreibungen der Werte und Moden. Und trotz aller Einschränkungen durch die engstirnigen Moralvorstellungen war es eine Periode der Stabilität, übergehend in eine technikbegeisterte Aufbruchstimmung der ersten zehn Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Eindrucksvoll seine vielen Begegnungen mit den Künstlern und Vordenkern seiner Zeit. Und einen jeden beschreibt er mit wenigen Sätzen äußerst plastisch, wie ein guter Maler mit wenigen Strichen das Charakteristische eines Gesichts oder eines Menschen einfangen kann.

Die Liste dieser Begegnungen ist lang, Rainer Maria Rilke begegnet er zufällig, aber immer wieder, Hugo von Hofmansthal erlebt er in dessen früher Meisterschaft, Auguste Rodin arbeitet vor seinen Augen an einer Plastik, völlig vertieft, vergisst dabei seinen jungen Besucher, später trifft er Romain Rolland in Paris, erlebt ihn als prominentesten und eindringlichsten Mahner gegen das aufziehende Gräuel des Ersten Weltkrieges. So ganz klar ist nicht, ob er wirklich persönlich alle diese Leute getroffen hat, denkbar ist es durch seine vielen Reisen und Umzüge schon.

Aber trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – seiner verschiedenen Wohnorte fühlte er sich zuallererst als Europäer, fühlte durch die technischen Neuerungen eine immer engere Bindung zwischen den einst verfeindeten Nationen. Er reiste damals ohne Pass auch nach Amerika und Indien, um seinen Blick zu öffnen, und lernte dabei um so mehr Europa zu schätzen.

Und so kann man sich ausmalen, wie schmerzhaft für ihn das Erstarken des Nationalismus, Antisemitismus und allgemeinen Hasses aufeinander gewesen sein muss. Und nicht nur einmal, sondern gleich zweimal innerhalb weniger Jahrzehnte. Diesen zweiten Weltkrieg verkraftete er nicht, ins ferne Brasilien floh er, seine alte Welt sah er von ferne in Flammen aufgehen. Etwas davon klingt an im letzten Absatz des Buches, ein Schatten, der auf ihm lastet.

Die Sonne schien voll und stark. Wie ich heimschritt, bemerkte ich mit einemmal vor mir meinen eigenen Schatten, so wie ich den Schatten des anderen Krieges hinter dem jetzigen sah. Er ist durch all die Zeit nicht mehr von mir gewichen, dieser Schatten, er überhing jeden meiner Gedanken bei Tag und bei Nacht; vielleicht liegt sein dunkler Umriss auch auf manchen Blättern dieses Buches. Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.
Stefan Zweig, Die Welt von Gestern

Und bei all dem fallen die Parallelen zum Heute auf, der Aufschwung der Rechtspopulisten weltweit, die zunehmende Entfremdung von der europäischen Idee, der technische Fortschritt, Fluch und Segen zugleich. Die wohlige Gemütlichkeit der österreichischen Monarchie hat einige Gemeinsamkeiten mit den wirtschaftlich prosperierenden Jahren unter Merkel. Dabei ist unsere heutige Welt weitaus vernetzter, als sie es um 1900 war, Reisen und Gedankenaustausch sind eine Selbstverständlichkeit. Doch genau die gleichen Technologien ermöglichen die Verbreitung extremer, menschenverachtender Ideologie in Filterblasen, fördern Hass und Intoleranz. So bleibt zu hoffen, dass Europa nicht noch einmal in den Taumel nationaler Selbstüberschätzung gerät.