Nachtfahrt

Dresden – Zürich, Entfernung 728 km, Fahrzeit 7:10h

Dresden, Rosengarten. Ein bisschen was essen, plaudern. Es ist immer wieder schön, nach Dresden zurückzukehren, aber heute fließt das Gespräch mit ungeahnter Lebendigkeit. Wir sprachen vor allem über Ruby. Das Abendrot lässt selbst die hässlichen Plattenbauten auf der anderen Elbseite toll aussehen. Ach Dresden.

Was trieb mich Zugfahrer zu dieser nächtlichen Autogewalttour? Ich muss große Sachen transportieren, Stereo-Anlage, CD-Spieler, DVD-Rekorder, riesige Lautsprecher, Bücher, Negative, Dias, Erinnerungen an meinen Vater. In seinem Lexus mache ich es mir bequem und fahre die lange Strecke. Eine Flasche Vita-Cola und ausgewählte CDs sollen mich vor dem Einschlagen bewahren. Es gehr erstaunlich gut, die Strecke ist fast leer. Ein paar weiße Linien reichen zur Orientierung, sie führen mich immer weiter nach Südwesten. Irgendwie wollte ich das auch, allein diese Strecke fahren, in seinem Auto, mit seinen Sachen. Ich wollte eine direkte Verbindung herstellen zwischen diesen beiden Lebensorten, Zeit zum Nachdenken haben.

Erinnerungen werden wach an meinen Umzug nach Zürich, Papa fuhr damals mit mir die weite Strecke an einem warmen Sommertag. Wir wechselten uns ab, er fuhr etwas mehr als routinierter Kraftfahrer. Beim Losfahren lobte er mich sogar für mein feinfühliges Fahren mit dem kleinen Dieseltransporter, eins seiner seltenen Komplimente. Jetzt muss ich alles allein bewältigen. Einmal brauche ich Schlaf, so gegen halb vier mag es sein. Irgendwo nördlich von Stuttgart halte ich an einem Rasthof und schlafe kurz ein.

Im Morgengrauen tanke ich an einer dieser blauen Tankstellen, der Lexus schluckt ganz schön was. Ich bin schockiert, wieviele Leute nachts arbeiten müssen, an den Tankstellen und Rasthöfen. Seltsam muss ich wirken mit meinem wüsten Bart, den schläfrigen Augen und dem riesigen Auto. Als ich nach dem Bezahlen raus gehe, graut der Morgen, der Mann hinter der Kasse mit dem schwäbischen Dialekt folgt mir und schaut in die Dämmerung. Unser kurzer Wortwechsel gab mir das Gefühl, schon mal im richtigen Sprachraum zu sein, Alemannisch. Ich falle wieder ins “Ade”, es ist nicht mehr weit.

Am Zoll werde ich dann doch angehalten und befragt, den immensen Fernseher auf dem Rücksitz kann ich schlecht verheimlichen. Aber alles gebraucht, Nachlass, zu meiner eigenen Verwendung, keine Waren, wirklich nicht. Das Auto geht zurück, keine Sorge, ich bin doch nicht wahnsinnig, mir eine solche Kiste in Zürich zu halten. Und so lässt sie mich doch einreisen, die Zollbeamtin. Ich fahre im silbernen Lexus mit Dresdner Kennzeichen ins morgendlich-schläfrige Zürich ein, parkiere ihn gleich gegenüber von meiner Wohnung. Dresden und Zürich, sichtbar verbunden.