15.02.2022

Rassismus als Gesellschaftsverhältnis

Die Leipzig-grüne Arbeitsgemeinschaft Antirassismus lud mit Özcan Karadeniz einen sehr kenntnisreichen Impulsgeber ein, um Rassismus als Gesellschaftsverhältnis zu beleuchten.

Die AG traf sich in den letzten Wochen zu einem Lesekreis mit Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. Dieses Werk von Alice Hasters öffnete auch mir vor einiger Zeit die Augen und erweiterte mein Verständnis von Rassismus enorm. Der Vortrag ging in eine ähnliche Richtung, stellte Rassismus als gesellschaftliches Phänomen dar, der uns alle prägt, und uns als Gesellschaft.

Und so werde ich als Weißer immer ein wenig profitieren vom Rassismus in Form einer Dividende, weil ich mehr Gehalt, die Wohnung oder Zugang zu bestimmten Kreisen erhalte. Ein gutes Beispiel sind die Schulhöfe, welche stets die Gesellschaft in ihrer Breite zeigen. Sobald man die Schwelle zum Lehrer:innen-Zimmer überschreitet, ist man in einem weißen Raum. Und das müssen auch wir als Grüne Partei selbstkritisch feststellen, in unseren Reihen finden sich sehr wenige People of Color. Es gibt also in unserem und auch in vielen anderen Räumen unsichtbare Mauern, die dafür sorgen, dass es ein homogener Raum wird.

Zentraler Mechanismus ist das Othering, die Konstruktion einer Eigengruppe und deren Abrenzung von den "Anderen". Diese andere Gruppe wird homogen wahrgenommen, während die eigene Gruppe voller Individualität steckt, und steht hierarchisch tiefer, was die Eigengruppe aufwertet. Im Kern geht es immer um die Vergewisserung der eigenen Überlegenheit, die "Anderen" sind rückständig, autoritär, traditionell, religiös... Damit entsteht ein natio-ethno-kulturelles Wir.

Europa verkörperte stets widersprüchliche Werte. Die Demokratie des antiken Griechenlandes galt ausschließlich für männliche Bürger. Die Französische Revolution versprach Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, während gleichzeitig der Code Noir in Kraft blieb und die Ungleichbehandlung der schwarzen Sklaven in den Kolonien gesetzlich legitimierte. So war Europa zum Einen der Hort der Emanzipation, Aufklärung, Freiheit und zugleich Ort der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Begriff des Rassismus ist wandelbar. Während noch vor 100 Jahren genetische Faktoren vermutet und sogar scheinbar wissenschaftlich begründet wurden, ist der Kulturrassismus mittlerweile die modernere Variante. Dieser betont kulturelle Unterschiede, statt des verpönten Rassebegriffs.

Ein bekannter Verbreiter rassistischer Stereotype war Karl May, dessen Heldenfiguren stets weiße Männer waren. Die ersten Werke spielten allesamt im Orient, dem rassistischen Projektionsraum der damaligen Zeit. Kara-Ben Nemsi sorgte für Recht und Ordnung, während Hadschi Halef Omar den untergebenen und lustigen Gefährten gab. Derzeit ist der Islam die schillerndste Folie des konträr "Anderen", was zahrleiche Zeitungs-Aufmacher gut illustrieren. Jede Zeit hat eine Kontrasterzählung, in Deutschland waren es durch die Jahrzehnte Ausländer, Türken, Asylanten, inzwischen Muslime.

Mehr Informationen in Form von Filmen, Podcasts und Texten findet ihr in der Infothek des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften.