Klimawissenschaft, Update 2020

Es ist wichtig, sein Wissen regelmäßig auf den aktuellen Stand zu bringen. Ich habe oft den Eindruck, dass viele Leute gerade beim Thema Klimawandel auf einem alten Stand sind, vielleicht aus ihrer Schulzeit. Beim Thema Klimawandel ist der Weltklimarat IPCC mit seinen regelmäßigen Berichten die Referenz. Etwas knapper und zugänglicher ist aktuell ein Überblick über zehn neue Erkenntnisse der Klimawissenschaft im letzten Jahr, auf Englisch, den ich hier etwas genauer vorstellen möchte.

1. Sensitivität des Klimas für Kohlendioxidanstieg

Dass es bei mehr Kohlendioxid wärmer wird, ist lange bewiesen. Aber wie viel genau? Die Sensitivität drückt das aus, wieviel Grad wird es langfristig wärmer, wenn sich die Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre verdoppelt. Und da man das nicht so genau sagen kann, gibt es einen Temperaturbereich.

Bisher ging man von 1,5 – 4,5°C aus. Letztes Jahr konnte man den großen Bereich etwas einschränken und geht jetzt von 2,3 – 4,5°C aus. Das bedeutet eine Verschärfung der Situation, weil damit die positiven Szenarien weniger wahrscheinlich sind.

2. Treibhausgas-Ausstoß vom Permafrost

Eine große Quelle von Treibhausgasen ist der auftauende Permafrostboden in Kanada und Russland. Dies ist ein selbstverstärkender Effekt, je wärmer es wird, desto mehr taut der Boden auf, stößt riesige Mengen Treibhausgase aus, wodurch es noch wärmer wird (siehe Kippelemente).

Neue Erkenntnisse zeigen, dass es mehr Emissionen aus diesem Bereich geben wird als bisher angenommen.

3. Aufnahmekapazität der tropischen Wälder

Wälder profitieren bis zu einem gewissen Grad von einem höheren Gehalt an Kohlendioxid in der Luft, sie absorbieren aktuell 30% der menschlichen Emissionen an Kohlenstoff. Jedoch ist diese Aufnahmefähigkeit bedroht durch Brandrodungen in den Tropen, welche große Mengen an gebundenem Kohlenstoff wieder freisetzt. Hier werden die Wälder auf der Nordhalbkugel teilweise einspringen, die durch höhere Temperaturen mehr Kohlenstoff aufnehmen und binden können. Aber insgesamt ist diese Aufnahmefähigkeit begrenzt.

4. Wassermangel

Eine Folge des Klimawandels ist die Häufung extremer Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen. Das führt bereits in vielen Regionen zu einer Verschlechterung der Wasserversorgung. Eine Folge können und werden Migrationsbewegungen vieler Millionen Menschen sein, die in ihrer Heimat kein Wasser mehr finden.

5. Psychische Folgen

Eine weitere Folge betrifft das psychische Wohlbefinden sehr vieler Menschen. Die Folgen des Klimawandels wie steigende Meeresspiegel, Dürren oder andere Folgeerscheinungen werden sehr vielen Menschen ihre Perspektive auf ein einigermaßen normales Leben nehmen. Dass dies zu Zukunftsangst und mentalem Stress führt, ist offensichtlich.

6. Pandemie-Programme

Obwohl durch die Pandemie-Maßnahmen weniger Treibhausgase ausgestoßen wurden, ist das nur ein temporärer Effekt. Sobald die Beschränkungen fallen, werden auch die Treibhausgas-Emissionen wieder auf alte Werte steigen. Und die Regierungen setzen Milliarden-Programme zur Wiederbelebung der Wirtschaft auf, jedoch ohne klaren Fokus auf Dekarbonisierung. Eine vertane Chance.

7. Ein neuer Gesellschaftsvertrag

COVID-19 und Klimawandel treffen beide die ohnehin Verwundbaren. Sie besser zu schützen wird eine wichtige neue Herausforderung für die Regierungen auf allen Ebenen.

8. Wachstum

Wachstum um jeden Preis führt zu mehr Treibhausgasen. Wir müssen da langfristiger denken, die Folgekosten mit einbeziehen. Kurzfristiges Wachstum ist nicht der Weg.

9. Elektrifizierung

Ein Umstieg auf erneuerbare Energiequellen ist nur dann möglich, wenn die meiste Energie elektrisch bezogen und umgewandelt wird, für Fortbewegung, Beleuchtung, Kochen. Traditionell gibt es noch zu viele kleine Öfen, mit dramatischen Auswirkungen auf die Luftqualität. Elektrizität ermöglicht einen leichteren Umstieg auf erneuerbare Energien.

10. Gerichte

Auch Gerichte werden in Zukunft eine größere Rolle spielen. Durch die globale Natur braucht es Möglichkeiten für internationale Klagen, um die Rechte der vom Klimawandel Betroffenen gegenüber Konzernen einklagbar zu machen.