Mauerfall

Nun sind es 30 Jahre Mauerfall, der 9. November ist übrig geblieben als historischer Moment, vorbereitet durch die vorher schon faktisch mögliche Ausreise über Tschechien und Ungarn, versehentlich mit sofortiger Wirkung verkündet von Schabowski, verstärkt durch Tagesschau und Tagesthemen, durchgesetzt durch tausende DDR-Bürger, die die Grenze stürmten, nicht verhindert durch die Regierung, die abends nicht mehr erreichbar war für Rückfragen und Befehle.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was ich an diesem Tag gemacht habe. Es war ein Donnerstag, vermutlich bin ich zur Schule gegangen wie jeden Tag. Für meine regierungskritischen Eltern war es eine spannende Zeit, in der sich ihr Wunsch nach Veränderung plötzlich und unerwartet erfüllte. Es ging was, der Status Quo bröckelte, ein heftiger innerfamiliärer Streit mit meinem systemtreuen Großvater ist mir in Erinnerung, das erste Westgeld im Sommer 1990, unsere Fahrt nach West-Berlin mit Begrüßungsgeld und einem ersten Einkauf (Lego natürlich). Und vorher hatte ich, beziehungsweise eher mein Vater, eine Wandzeitung zu den Ausschreitungen am Dresdner Hauptbahnhof gemacht, zurückhaltend formuliert, aber natürlich riskant schon durch die Erwähnung der Botschaftsflüchtlinge. Die Zeitung hing nicht lange, meine Lehrerin meinte zu mir, darüber müssten wir nochmal reden, wozu es aber nie kam. Es war eine aufregende Zeit, Geschichte passierte um einen herum, betraf mich unmittelbar.

Dieser 9. November 1989 teilt mein Leben in zwei Teile, 10 Jahre DDR und 30 Jahre Westen, wobei die 11 Jahre in der Schweiz und ein Jahr in den USA zu einer unübersichtlichen Gemengelage geführt haben. Ich habe mich nie zurückgesehnt nach der DDR, für mich kam die Wende zur rechten Zeit. Wir durften in der fünften Klasse unsere erste Fremdsprache wählen, vorher war das stets Russisch gewesen, für uns als ersten Jahrgang wurde es Englisch. Durch meine systemkritischen Eltern hätte ich sicher keine sozialistische Musterkarriere hingelegt. Vielleicht hätte mir aber mein Großvater geholfen, immerhin Oberst der Nationalen Volksarmee. Aber so konnte ich meinen Weg machen, studieren, ins Ausland gehen, reisen, ungehindert durch staatliche Vorschriften.

Sehr empfehlen kann ich den Film Bornholmer Straße, der gerade in der ARD-Mediathek verfügbar ist. Er schildert komödiantisch die historischen Stunden der Grenzöffnung am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin.