Loslassen

In einem Monat werde ich in Darmstadt wohnen, der Umzug ist für den 4. Oktober geplant. Wie meist vor solchen gravierenden Veränderungen bin ich nervös und kann es mir noch gar nicht so recht vorstellen, von einem Tag auf den anderen in einer anderen Stadt zu wohnen, einige hundert Kilometer entfernt von hier. Und das nach reichlich elf Jahren in der schönen Schweiz als Promotionsstudent, Teilprojektleiter, Entwicklungsingenieur und Software-Entwickler, als Schauspieler und Regisseur, als Rennradfahrer, Wanderer, Kletterer, Läufer, Fechter und Skifahrer. Und als Freund und Kollege vieler lieber Menschen.

Es ist eine Zeit der vielen kleinen Abschiede, des Loslassens, des Aufräumens meiner viel zu großen Wohnung. Ich sortiere viel aus, auch ich habe einige Tausend Gegenstände angesammelt wie die meisten Europäer und versuche, einen Teil davon vor dem Umzug loszuwerden. All das muss ich dann nicht in Kisten packen und wieder auspacken. Und die meisten Sachen habe ich auch jahrelang nicht angefasst, erst jetzt beim Durchstöbern meiner grünen Stehordner stoße ich auf sie und werde von Erinnerungen überwältigt. Das Programmheft der Lästerschule erinnert mich an meine Theaterzeit mit dem akitiv, das Buch Clean Code an meine Arbeit, der Island-Reiseführer an einen Urlaub mit Schwester und Vater und fünf Schreibmaschinenseiten enthalten die gesamten Lebenserinnerungen meines Großvaters.

Schön ist, dass sich jetzt viele Leute Zeit nehmen, mich noch einmal zu sehen. Jedes Gesicht erinnert mich an gemeinsam verbrachte Momente, an einen bestimmten Aspekt meines Zürcher Daseins. Uns so hoffe ich auf viele schöne Begegnungen in den verbleibenden Wochen.

Morgen steht mir dann noch eine Begegnung der ganz anderen Art bevor – mit dem kommunalen Verwaltungsapparat. Ich werde mich im Rathaus abmelden. Um meine Steuerangelegenheiten zu regeln, muss ich einen Bevollmächtigten mit Schweizer Anschrift definieren. Die vernetzte und globalisierte Welt endet an der Landesgrenze, Briefe ins ferne nördliche Ausland könnten ja verloren gehen. Wobei das andersherum genau so ist, in einer anderen Angelegenheit war einer deutschen Behörde mein Wohnsitz im Ausland zu weit weg, als das man wichtige Post direkt dorthin schicken könnte.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse