Casting-Vorbereitung

Es tut gut, sich mal wieder in die szenische Arbeit zu stürzen. Morgen haben wir ein internes Casting bei den dramateuren, um mal zumindest die vier Hauptrollen zu besetzen. Und ich bin aufgeregt und am Überlegen, wie ich meine Szenen umsetze.

Debbie, Charlotte und Henry
Debbie, Charlotte und Henry

Spannend ist vor allem ein Monolog von Henry, der sich mit dem Thema Liebe, Treue und Sex beschäftigt. Seine Tochter hat ihn vorher gebeten, von seiner ersten großen Liebe zu erzählen. Und das tut Henry.

HENRY
Es hat was mit Erkennen und Erkanntwerden zu tun. Ich weiß noch, wie es mir nicht mehr merkwürdig vorkam, dass im biblischen Griechisch „erkennen“ das Wort für Liebe machen war. Der oder jener erkannte die so-und-so. Körperliche Erkenntnis. Darin vertrauen die Liebenden einander. Die Erkenntnis des anderen, nicht des Fleisches, aber durch das Fleisch, Erkenntnis seiner selbst, des wirklichen „Er“ und der wirklichen „Sie“, in extremer Lage, ohne Maske vor dem Gesicht. Jede andere Erscheinungsform unseres Ichs gibt sich der Öffentlichkeit preis. Wir lassen sie teilhaben an unserer Munterkeit und an unserem Leid, unserer Übellaune, unserem Zorn und unserer Freude… das alles reichen wir weiter an alle, die zufällig da sind, an Freunde und Verwandte, vielleicht mit einem kurzen kleinen Schamgefühl, an Fremde ohne jedes Zögern. Unsere Liebhaber teilen uns mit jedem, der gerade daherkommt. Aber wenn wir uns paaren, bestehen wir darauf, uns einander zu schenken. Was bleibt noch vom Ich? Was ist übrig? Was gibt es sonst, das noch nicht ausgeteilt worden ist wie ein Packen Spielkarten? Eine Art von Erkenntnis. Privat, endgültig, kompromisslos. Erkennen, erkannt werden. Davor empfinde ich Ehrfurcht.
Tom Stoppard, Das einzig Wahre, Deutsch von Hilde Spiel, Jussenhoven & Fischer
Annie, Max und Charlotte
Annie, Max und Charlotte

Er spricht mit seiner frühreifen Tochter Debbie, die gerade ihren Rucksack gepackt hat, um das Elternhaus auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Emotional ist es also diese Kinder-werden-flügge-Situation, plötzlich ziehen sie los und haben ein eigenes Leben. Ich stelle mir das Ganze deshalb eher ruhig vor, vertraut und ohne theatralische Gesten. Man sitzt nebeneinander auf dem Sofa, und Henry will noch etwas loswerden, ihr mit auf den Weg geben. Er hatte nicht das engste Verhältnis zu seiner Tochter, aber jetzt nimmt er sich schon Zeit für sie. Wobei ihr Freund jeden Moment klingeln kann, es ist also auch ein bisschen Zeit totschlagen dabei.