Anton Tschechow – Der Kirschgarten

Im Berliner Maxim-Gorki-Theater sah ich eine sehr eigenwillige Inszenierung von Tschechows Kirschgarten. Das Gorki, wie es sich kurz nennt, wurde von Theater heute zum Theater des Jahres 2014 gekürt. Es besitzt ein bunt gemischtes Ensemble und setzt schrille, zeitgenössische Akzente.

Das Stück in seiner Originalfassung beschreibt den nutzlos gewordenen Adel, der sich am Schönen erfreut, aber völlig lebensuntüchtig ist. Wie der Kirschgarten am Ende abgeholzt wird, verschwindet auch der Adel von der Bildfläche.

Die Inszenierung baute an vielen Stellen den Text um, es gab Bezüge zum Freihandelsabkommen TTIP, eine geschlechtlich nicht so leicht festzulegende Person zeigte einen Bauchtanz und berichtete von ihrem Leben, und Firs, der alte Diener brabbelte vor sich hin, ohne Sinn und Zusammenhang. Immer wieder Lieder, “Am Brunnen vor dem Tore” in der klassischen, später orientalisch angehauchten Version, unterhaltsam inszeniert, weit weg vom Stanislawski-Stil.

Es war befremdlich, passt aber in diese schrille Hauptstadt mit türkischen Vierteln und so vielen Menschen aus aller Welt. Der Untergang des russischen Adels wurde spielerisch gleichgesetzt mit dem Ende der alten, europäischen Kultur, die neuen Geldhaber kommen aus der Türkei oder China und bringen ihre Kultur mit, bereichernd, befremdlich, unaufhaltsam. Aber trug die Pianistin nicht auch ein Kopftuch, als sie Mozart spielte? Berlin als Schmelztiegel der Kulturen, als Mekka der Lebensentwürfe, In-Stadt der Welt. Schwer vorstellbar in Zürich.