Urs Widmer

Urs Widmer, einer der bekanntesten Schweizer Autoren, starb heute im Alter von 75 Jahren in Zürich (siehe NZZ-Artikel).

Ich erinnere mich vor allem an sein Theaterstück Top Dogs, in welchem ich 2010 als Schauspieler mitwirkte. Für mich war es die erste Produktion in Zürich in einer anderen Theatergruppe nach vier Produktionen mit dem akitiv. Ein aktuelles Stück war das, es ging um gefeuerte Manager in einem Bewerbungs-Seminar, ein Novum damals zur Wirtschaftskrise. Er entwickelte es am Theater Neumarkt, die Rollen bekamen die Namen der Schauspieler. Und ich war dann Neuenschander, der ehemalige Tennislehrer und Porsche-Fahrer. Eine schöne Rolle aus der Feder von Urs Widmer.

NEUENSCHWANDER Ich war zuständig für die Freizeitkultur des Konzerns. Großbank. Fitness, Schwimmbad, Sauna. Hab die ganze Organisation unter mir gehabt, Planung, Jahresbudget, Unterhalt. Tennis. Komme vom Tennis, war einmal ATP 314. Ich war immer schon ein winner-Typ. Hab einmal gegen den jungen Connors gespielt, gut, die ersten beiden Sätze gingen zu Null verschütt, aber den dritten hab ich sechs zu eins verloren. – Habe dann auch im Betrieb die Tennisstunden gegeben. Waren sehr gut besucht, waren fast ein must ab einer bestimmten Managementsebene. Ich hatte an jedem Tag so meine vier bis fünf Lektionen. Schwer zu sagen, wann das anfing. Die Herren kamen jedenfalls immer unregelmäßiger. Und wenn sie da waren, spielten sie immer aggressiver. Bälle volles Rohr mitten in mein Gesicht. Hassausbrüche, wenn ein Netzroller in ihr eigenes Feld zurückgefallen war. Schläger so wegschleudern, dass ich mich gerade noch bücken konnte. Da musst du ganz cool bleiben, ganz, ganz cool. Dann fangen die sich wieder. – Und dann kam überhaupt keiner mehr. Die saßen jetzt bis tief in die Nacht in der Firma. Arbeiteten sich die Lunge aus dem Hals. Da war kein Platz mehr für Tennis. Und Lust auch nicht. – Ich wurde in die Zentrale gerufen, und man teilte mir mit, dass meine Position ersatzlos gestrichen worden sei. – Ich hatte mir an genau dem Tag einen Porsche 911 gekauft. Schwarz. Rote Polster. Toller Wagen. Ja, wirklich, toller Wagen. Mag ihn sehr. Ich lebe ja jetzt allein. Hatte einen Golf, als meine Frau noch da war, den GTI. Den mit den High-speed-competition-Reifen. Den nahm dann sie. Obwohl sie nie schneller als hundert fährt. Kein Vergleich, der GTI und der 911er. Zwei Welten. Wenn du einmal einen 911er voll auf Touren gebracht hast, nachts, nur du und der 911er, ehrlich, den GTI möcht ich nie mehr zurück.

NEUENSCHWANDER Ich will zu dem, was ich vorher gesagt habe, nur noch anfügen, wegen dem Porsche. Ist ein 911er. Meine Frau ist ja mit dem Golf weg. Dem GTI. Ich mochte den eigentlich. Hatte so was Herzliches. – Jetzt lebe ich eben allein. – Der Porsche steht also da in der Garage, fabrikneu. Sechsundfünfzig Kilometer, gerade die Überführung. Ja, und ich setze mich jeden Morgen hinein, stelle den Motor an, lass ihn aufheulen, richtig kommen, singen, bis tief in den roten Bereich. Eine Viertelstunde lang, eine halbe. Fahre nie weg. Fuhr kein einziges Mal weg. Ich bin mit dem Porsche keinen Meter gefahren seit … Nicht einen. Nur in der Garage.