Tod eines Handlungsreisenden (Arthur Miller)

Auf 3sat sah ich heute die Schlöndorff-Verfilmung des Theaterklassikers von Arthur Miller, ein bewegendes Drama über die Abgründe des amerikanischen Traums.

Die Hauptrolle des alternden und zunehmend geistig verwirrten Vertreters Willy Loman spielte Dustin Hoffmann. Er ist erschöpft nach 35 Jahren als Vertreter, erfolglos und selbstmordgefährdet. Grandios die Darstellung durch Dustin Hoffmann, wie er mit kleinen Schritten läuft, gebeugt, grundlos ausrastet, in Erinnerungen versinkt, Selbstgespräche führt, nicht mehr richtig da ist. Er hat seine wahre Begabung als Handwerker aufgegeben, zugunsten des amerikanischen Traums, er will erfolgreich sein, die Nummer eins, und hechelt diesem Traum zeitlebens hinterher.

Hier ein Dialog mit seiner Frau Linda, gespielt von Kate Reid.

WILLY Überleg’ bloß mal. Da arbeitet man ein Leben lang, um ein Haus abzuzahlen. Schließlich gehört’s dir, und keiner ist da, um drin zu leben.

LINDA Ja, Lieber, das Leben besteht aus Enttäuschungen. So geht es allen.

WILLY Nein, nein, es gibt auch welche, die’s zu was bringen. Hat Biff irgendwas gesagt, nachdem ich weg bin heute morgen?

LINDA Du hättest ihn nicht kritisieren sollen, Willy, wo er doch gerade erst vom Zug kam. Du darfst nicht immer so ungehalten mit ihm sein.

WILLY Wann zum Teufel war ich denn ungehalten? Ich hab’ ihn nur gefragt, ob er was verdient. Ist das vielleicht ein Vorwurf?

LINDA Ach, Lieber, wie soll er denn Geld verdienen?

WILLY (beunruhigt und verärgert) Er hat so eine Art an sich. Er ist richtig launisch geworden. Hat er sich entschuldigt, als ich heute morgen weg bin?

LINDA Er war am Boden zerstört, Willy. Du weißt doch, wie sehr er dich bewundert. Ich glaube, wenn er erst mal zu sich findet, werdet ihr euch wieder verstehen und nicht mehr streiten.

WILLY Wie kann er denn auf einer Farm zu sich finden? Ist das ein Leben? Als Landarbeiter? Anfangs, als er noch jung war, dachte ich, na gut, ein junger Mensch soll ruhig herumreisen und alle möglichen Jobs annehmen. Aber das geht jetzt schon über zehn Jahre so und er verdient keine fünfunddreißig Dollar die Woche!

LINDA Er ist noch auf der Suche nach sich selbst, Willy!

WILLY Mit fünfunddreißig noch nach sich zu suchen ist eine Schande!

Ein junger John Malkovich spielt Biff Loman, den Sohn von Willy Loman. Ein Football-Spiel während der College-Zeit war der Höhepunkt seines Lebens, danach fiel er durch die Mathematik-Prüfung und konnte nie so richtig Fuß fassen. Der wesentliche Konflikt ist der zwischen Biff und seinem Vater, der seinen gescheiterten Traum auf ihn übertragen möchte. Willys anderer Sohn ist Happy, der als Assistent des ersten Assitenten eher in die Fußstapfen seines Vaters tritt.

HAPPY Er will nur, daß du‘s zu was bringst, sonst nichts. Ich wollte schon lange mit dir über Paps reden, Biff. Irgendwas passiert mit ihm. Er führt Selbstgespräche.

BIFF Hab‘ ich heute morgen bemerkt. Aber er hat schon immer so vor sich hingemurmelt.

HAPPY Aber nicht so auffallend. Es wurde so peinlich, daß ich ihn nach Florida geschickt hab‘. Und weißt du was? Meistens spricht er mit dir.

BIFF Was sagt er über mich?

HAPPY Ich kann ihn nicht verstehen.

BIFF Was sagt er über mich?

HAPPY Ich glaub‘, die Tatsache, daß aus dir noch nichts Rechtes geworden ist, daß du noch nicht weißt, was du willst, daß du noch irgendwie in der Luft hängst…

BIFF Es gibt noch ein paar andere Gründe für seinen Zustand, Happy.

HAPPY Was meinst du damit?

BIFF Ist doch egal, nur gib‘ nicht mir die ganze Schuld.

HAPPY Aber irgendwann müßtest du mal anfangen — ich meine — gibt‘s denn da draußen überhaupt ‘ne Zukunft für dich?

BIFF Ich sag‘ dir Hap, ich weiß nicht, was Zukunft ist. Ich weiß nicht — was ich mir wünschen soll.

HAPPY Wie meinst du das?

BIFF Naja, in den ersten sechs, sieben Jahren nach der Highschool — hab‘ ich alles versucht, um mich hochzuarbeiten. Als Packer, als Vertreter, alle möglichen Geschäfte. Was ist das für eine miese Existenz. Sich an heißen Sommertagen in die U-Bahn zu quetschen. Dein ganzes Leben dafür zu opfern, ein Warenlager zu führen oder zu telefonieren oder zu kaufen oder zu verkaufen. Fünfzig Wochen im Jahr zu leiden für zwei Wochen Ferien, wenn du am liebsten draußen wärst und zwar ohne Hemd. Und immer schneller sein zu müssen

als die anderen. Und trotzdem hast du nur so eine Zukunft.

Es ist ein trostloses Bild, welches Miller da zeichnet, ein gescheiterter Handlungsreisender. Wobei der Beruf des Handlungsreisenden auch sehr schön symbolisch ist für die westliche Gesellschaft, für den Traum, durch ein gewinnendes Lächeln und blankgeputzte Schuhe erfolgreich zu sein, viel zu verkaufen und aufzusteigen. Ganz wenige schaffen es, ihre Geschichten werden erzählt, so als könnten es alle schaffen. Aber der Großteil bleibt auf der Strecke beim Versuch und deren Geschichte wird hier erzählt.

Was sind unsere Träume, unsere Werte? Sind es wirklich unsere eigenen? Mit diesen Fragen lohnt es sich auseinanderzusetzen.