Lee Strassberg – Das Wesen des Schauspielens

Von Lee Strassberg habe ich das Buch Schauspielen und das Training des Schauspielers: Beiträge zur ‘Method’. Ehrlich gesagt fand ich es sehr langatmig und schwierig zu lesen. Strassberg zitiert so viele andere Theater- und Filmschaffende, dass man schnell den Faden verliert. Aber dennoch lohnt sich die Beschäftigung mit seinem Werk. Hier ein Auszug aus seiner 1959 erschienenen Schrift “Schauspielen”.

Das Wesen des Schauspielens. Schauspielen ist die am höchsten geschätzte und am wenigsten verstandene Kunst. Zu oft wird Geschmack mit Urteil verwechselt. Schauspielen hat eine Geschichte des Kampfes, des Fortschritts und der Entwicklung hinter sich. Es ist nicht Verstellung, Exhibitionismus oder Nachahmung, sondern die Fähigkeit, auf imaginäre Reize zu reagieren. Seine wesentlichen Bestandteile bleiben die beiden Bedingungen, die Talma aufstellte, “ungewöhnliche Sensibilität und außerordentliche Intelligenz”, wobei mit letzterer nicht Bücherwissen gemeint ist, sondern die Fähigkeit, die Vorgänge der menschlichen Seele zu begreifen. Die wesentlichen Probleme beim Spielen – ‘fühlt’ der Schauspieler, oder imitiert er bloß? Sollte er natürlich oder rhetorisch sprechen? Was ist natürlich? usw. – sind so alt wie das Schauspielen selbst. Sie entspringen nicht der Realismus-Bewegung, sondern dem Wesen des schauspielerischen Prozesses. Die kommerziellen Bedingungen von Theater, Film und Fernsehen machen ein höheres Maß an Training für den Schauspieler notwendiger als je zuvor, wenn das enorme Talent, welches existiert, nicht von der Zeit und den technischen Anforderungen erstickt werden soll. Das Training des Schauspielers ist heutzutage kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.