Huayhuash-Trek

Der National Geographic kürte den acht- bis zehntägigen Huayhuash-Trek zum zweitschönsten Trek weltweit. Dadurch neugierig gemacht, entschloss ich mich dann doch dafür, die Strapaze erneut zu wagen.

1. Tag

Von Huaraz fuhren wir fünf Stunden zum Startpunkt der Wanderung, der auf 4180m lag. Mit zwei gut gefüllten Bussen kamen wir an, an die zwanzig Leute stiegen aus, die Mehrzahl Israelis. Es war auch ein Israeli, der mir diesen Trek empfohlen hatte, kein Wunder also. Die meisten Israelis gehen nach ihrem dreijährigen Militärdienst auf Weltreise, entweder nach Indien, ins Himalaya oder eben nach Südamerika.

Der Rest der Gruppe bestand aus zwei US-Amerikanern, einer Australierin, einer Irin und zwei Brasilianern.

Peruvian Guide

Außer Zeltaufbauen und Abendessen lief nicht mehr viel an diesem Tag.

2. Tag

Gleich zu Beginn stiegen wir einige hundert Höhenmeter auf. Zum Glück war da noch Schatten auf unserer Bergseite, so wurde es nicht allzu heiß.

Ein weiteres einprägsames Erlebnis wartete im nächsten Tal auf uns. An einem Zaun standen zwei Einheimische und kassierten eine Schutzgebühr von 40 Soles (12 EUR). Was genau geschützt werden sollte, ob es die Landschaft, das Wegenetz oder wir selbst waren, wurde nicht klar. Einige Israelis rebellierten und versuchten, die Gebühr runterzuhandeln, ohne Erfolg. Die Stimmung war sehr angespannt, bis sich die Gruppe doch entschloss, klein beizugeben.

Am Ende der Wanderung sah ich einen der schönsten Landschaftsausblicke meines Lebens. Unter mir ein tiefblauer See, der rechts in eine Ebene mit Steinmauern und Häuschen überging. Unmittelbar dahinter standen drei schneebedeckte Berge mit Wolken um ihre Gipfel. Und Sonnenschein, es war wunderschön.

Morgenstimmung in der Cordillera Huayhuash

3. Tag

Wir hatten die Wahl zwischen zwei Routen. Natürlich wählte die Gruppe die schönere aber anstrengendere Variante. Uns erwartete ein langer Aufstieg in einem von Seen durchzogenen Tal. Der Pass hatte es mal wieder in sich.

Cordillera Huayhuash

Abends feierten die Israelis Neujahr mit uns. Ich fand ihre Bräuche sehr spannend. Zum Einen beginnt der neue Tag, wenn es dunkel wird, das ist schon mal viel praktischer als Mitternacht. Und es gab Apfelstückchen mit Honig, damit das neue Jahr süß begänne. Ein Granatapfel wurde geöffnet, seine Kerne stehen für die vielen Taten des vergangenen Jahres. Und dazu wurden schöne Lieder gesungen. Es war eine schöne Geste, dass auch wir anderen Gruppenmitglieder und die peruanische Mannschaft mit eingeladen waren.

4. Tag

Ich musste mich schon nach kurzer Zeit übergeben. War es das Essen gewesen? Genau weiß man es nie, die Höhe, die Anstrengung, der rapide Wechsel von Warm und Kalt – all das fordert den Körper.

Es ging mir dreckig, das Erbrechen hatte den Effekt, mich völlig zu entkräften. Ich konnte keine drei Schritte machen, ein Pferd wurde zu mir geführt. Und so quälte ich mich die endlose Strecke zum Zeltplatz. Denn auch Reiten erfordert ein bisschen Körperspannung. Und dann gab es noch die steilen Passagen, die wir zu Fuß zurücklegen mussten, weil das für die Pferde nicht ging. Ich ging ein paar Schritte, setzte mich hin, schnaufte.

Irgendwann erreichte ich dann doch den Zeltplatz, stieg vom Pferd, legte mich nebens Zelt in die Nachmittagssonne und dämmerte vor mich hin. Mehr ging nicht.

5. Tag

Heute stand der 5000m-Pass auf dem Programm. Ich hatte große Bedenken, ob ich das schaffen würde. Nachdem ich am Vortag meinen Mageninhalt verloren hatte, war die süße Hafersuppe am Morgen meine erste Mahlzeit seit Langem und rumorte in mir.

Langsam ging ich los, es begann auch sofort mit einem Anstieg. Ganz langsam setzte ich Fuß vor Fuß und es funktionierte. Ich konnte wieder aus eigener Kraft laufen! Ganz am Ende des Feldes schlich ich, nur ein kurzes Stück auf einem Pferderücken.

Der Pass war wenig spektakulär, wenngleich auf Höhe des Mont Blanc, des höchsten europäischen Berges. Zugig war es, rasch stiegen wir ins nächste Tal ab. Die Hälfte der Truppe fühlte sich stark genug für den zweiten Pass auf 5200m, ich verzichtete dankend.

6. Tag

Heute hatten wir zuerst Abstieg und erst danach den Aufstieg zum Zeltplatz vor uns. Der tiefste Punkt war ein Bergdorf. Der Anstieg danach zog sich endlos, mehr als drei Stunden quälte ich mich diesen Berg hoch. Dafür war der Zeltplatz wunderschön, in einem kühlen Bergbach badete ich kurz meine strapazierten Füße.

Transportesel

7. Tag

Der letzte volle Wandertag bescherte uns zwei Pässe, aber ich fühlte mich langsam wieder fit und war nicht mehr ganz hinten im Feld. Das Tal, in das wir abstiegen, war wunderschön, mit sich windendem Fluss und rötlichen Berg dahinter. Der letzte Zeltplatz lag an einem See, dahinter ein schneebedeckter Berg mit Wolken um seine Spitze.

Nachts stürmte es, unser Zelt bog sich in alle möglichen Richtungen, die Innenwand bauschte sich, erdrückte mich fast. Ich sah vor meinem inneren Auge die Zeltstangen brechen und schlief schlecht.

8. Tag

Wir standen um vier Uhr auf, aßen etwas Frühstück, dann ging es mit Stirnlampen im engen Gänsemarsch los. Der Tag graute, ein letzter Pass, dann sahen wir den Zielort unten im Tal. Weitere zwei Stunden Abstieg, dann hatten wir es geschafft, die Esel hatten uns wie immer überholt und grasten bereits.

Cordillera Huayhuash

Ein frühes Mittagessen, dann schüttelte uns der Bus durch. Und fünf Stunden später erreichten wir schließlich Huaraz, wo ich endlich wieder warm duschen konnte. Auch meinen Yeti-Bart ließ ich stutzen, um wieder einigermaßen zivilisiert zu sein. Ich war sehr müde und schlief gut.