Mutter, Hure, Königin

Das Theater Tamar widmet sich in seiner ersten Produktion den antiken Frauenfiguren Medea, Hekabe und Neaira und schlägt auch einen Bogen zu zeitgenössischen Frauen. Und die Frauen haben es schwer. Schon Euripides legte es seiner Medea in den Mund.

Von allen Wesen, die vernunftbegabt

auf Erden leben, fiel das schlimmste Los

dem Weibe zu. Mit schwerem Gelde müssen

wir uns den Gatten kaufen und leibeigen

ihm werden; dieses auch. Das drückt noch schwerer.

Und ob wir einen guten oder schlechten

bekommen, daran hängt das Lebensglück.

Denn für den Ruf der Frau ist jede Scheidung

verderblich, und den Freier abzuweisen

ist uns verwehrt. Aufs ungewisse treten

wir in ein neues Haus, ein neues Leben,

und mögen raten, wie wir unsern Gatten

behandeln, denn zu Hause hat uns das

niemand gelehrt. Wenn es uns dann gelingt,

die Ehe nicht zur Last des Mannes wird,

beneidenswertes Glück. Sonst – lieber sterben.

Denn wenn’s dem Mann zu Hause nicht behagt,

sucht er Erholung draußen sich und Trost.

Wir haben nichts, nichts andres als den einen.

Man sagt, die Männer müssten in den Krieg,

wir säßen in dem sichren Schutz des Hauses.

Die Rechnung trügt. Ich möchte lieber dreimal

zu Felde ziehn als einmal Mutter werden.

Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Band III, Das Klassische Griechenland

Hekabe, einstige Königin von Troja, verlor all ihre Kinder. Die Söhne fielen in der Schlacht, die Töchter wurden als Sklavinnen von den Siegern abtransportiert. Gebeugt und alt erscheint sie auf der Bühne, hält sich an ihrem krummen Wanderstock. Sie erscheint so wie in Die Troerinnen von Euripides, oder vielmehr danach.

Die dritte Figur ist Neaira, eine Hetäre. Sie war eine Prostituierte in Korinth, konnte sich aber später freikaufen und eine Zeitlang ein bürgerliches Leben führen. Im Stück wird sie von zwei Schauspielerinnen verkörpert.

Diese drei so unterschiedlichen Frauen begegnen sich nun auf der Bühne, im Stil des erhabenen griechischen Theaters sprechen sie miteinander, verstehen sich nicht, finden aber am Ende doch zu einem Miteinander.

Danach treten vier moderne Frauen auf, die auch so ihre Probleme mit den Männern haben. Der eine wollte eine offene Beziehung, der andere hat nie Zeit und wieder einer hat ihre beste Freundin geschwängert. Und so leiden also auch die modernen Frauen, vor allem an den Männern.

Und eines wird deutlich, die Männer sind schuld und die Umstände, aber nie die Protagonistinnen selbst. Sie sind die Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft und brechen am Ende zu einem männerfreien Segeltörn auf, werden schweben und für eine kurze Zeit ihre Probleme vergessen.