Friedrich Schiller – Wilhelm Tell (Regie Dušan David Pařízek)

Es war ein beeindruckender Theaterabend. Schiller ist nicht ganz einfach zu inszenieren, er hat diese zwar wunderschöne, aber auf die Dauer etwas anstrengende pathetische, kräftige Sprache. Aber der Regisseur (kein Schweizer offenkundig) verstand es prächtig, mit theatralischen Mitteln einen frischen Blick auf Wilhelm Tell zu werfen.

Eine Schlüsselszene ist sicherlich der Rütlischwur. Bei Mondlicht treffen sich Vertreter der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden und besiegeln mit einem Schwur die Eidgenossenschaft.

Reding tritt in die Mitte:

Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen,

So schwör ich droben bei den ew’gen Sternen,

Dass ich mich nimmer will vom Recht entfernen.

_Man richtet die Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwyz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestützt.

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Was ist’s, das die drei Völker des Gebirgs

Hier an des Sees unwirtlichem Gestade

Zusammenführte in der Geisterstunde?

Was soll der Inhalt sein des neuen Bunds,

Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?

Stauffacher tritt in den Ring:

Wir stiften keinen neuen Bund, es ist

Ein uralt Bündnis nur von Väterzeit,

Das wir erneuern! Wisset Eidgenossen!

Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden,

Und jedes Volk sich für sich selbst regiert,

So sind wir eines Stammes doch und Bluts,

Und eine Heimat ist’s, aus der wir zogen.

Winkelried:

So ist es wahr, wie’s in den Liedern lautet,

Dass wir von fernher in das Land gewallt?

O teilt’s uns mit, was Euch davon bekannt,

Dass sich der neue Bund am alten stärke.

Stauffacher:

Hört, was die alten Hirten sich erzählen.

– Es war ein grosses Volk, hinten im Lande

Nach Mitternacht, das litt von schwerer Teurung.

In dieser Not beschloss die Landsgemeinde,

Dass jeder zehnte Bürger nach dem Los

Der Väter Land verlasse – das geschah!

Und zogen aus, wehklagend, Männer und Weiber,

Ein grosser Heerzug, nach der Mittagsonne,

Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land,

Bis an das Hochland dieser Waldgebirge.

Und eher nicht ermüdete der Zug,

Bis dass sie kamen in das wilde Tal,

Wo jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt –

Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen,

Nur eine Hütte stand am Ufer einsam,

Da sass ein Mann, und wartete der Fähre –

Doch heftig wogete der See und war

Nicht fahrbar; da besahen sie das Land

Sich näher und gewahrten schöne Fülle

Des Holzes und entdeckten gute Brunnen,

Und meinten, sich im lieben Vaterland

Zu finden – Da beschlossen sie zu bleiben,

Erbaueten den alten Flecken Schwyz,

Und hatten manchen sauren Tag, den Wald

Mit weitverschlungenen Wurzeln auszuroden –

Drauf als der Boden nicht mehr Gnügen tat

Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber

Zum schwarzen Berg, ja bis ans Weissland hin,

Wo hinter ew’gem Eiseswall verborgen,

Ein andres Volk in andern Zungen spricht.

Den Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald,

Den Flecken Altdorf in dem Tal der Reuss –

Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk,

Aus all den fremden Stämmen, die seitdem

In Mitte ihres Lands sich angesiedelt,

Finden die Schwyzer Männer sich heraus,

Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.

Reicht rechts und links die Hand hin.

Auf der Mauer:

Ja wir sind eines Herzens, eines Bluts!

Alle sich die Hände reichend:

Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.

Die Schauspieler traten alle in Badesachen auf und machten Nachttiergeräusche. Zusammen mit dem dunklen Licht und einem langen, rechtwinkligen Wasserbehälter, der das Licht eines kreisrunden Scheinwerfers – also des Mondes – reflektierte entstand so die nächtliche Stimmung. Der Schillertext wurde dann immer wieder durch schweizerdeutsche Einschübe aufgelockert, in typisch Schweizer Art erteilte man sich das Wort, stritt sich über Verfahrensfragen, ereiferte sich und fand dann irgendwie doch zum Konsens und Schwur.

Der Apfelschuss war auch schön inszeniert, Tell fragte, ob er jetzt über die Zuschauer hinweg laufen sollte, um auf die 80 Schritt Distanz zu kommen. Gessler schickte ihn dann links raus, die Bühnenbegrenzung fuhr nach oben und Tell verschwand, um auf riesigen Videoleinwänden wieder zu erscheinen. Musik, um die Anspannung zu verdeutlichen, der Schuss, Walter werden die Knie weich und weicher, er fällt, der Apfel rollt die Bühne runter zu den Zuschauern, Tell eilt zu seinem Sohn, Unklarheit, Spannung, endlich die frohe Kunde, dass nur der Apfel getroffen sei.

Toll waren die Schauspieler, grandios Siggi Schwientek erst als alter Nörgler, später als kleiner Walter mit dem Apfel auf dem Kopf. Lustig auch Frank Seppeler als Gessler mit dieser bescheuerten Perücke. Er hatte es schwer mit den mürrischen Eidgenossen, die sich über ihn auch noch lustig machten, man verstand ihn gut, als er ihnen den Hut vor die Nase setzte.

War eine tolle Inszenierung, ganz nach meinem Geschmack.