William Shakespeare – König Lear

Das erste Mal hörte ich von König Lear von meinem Englischlehrer Johannes Bonk, der sich immer wieder in der schulischen Theater-AG engagierte. In der Aula unseres ehrwürdigen Schulgebäudes in der Kretschmerstraße gab es eine Vorführung, nicht direkt das Stück, sondern davon inspirierte Szenen. Ich sehe noch die Landkarte vom geteilten Reich vor mir. Das war also der erste Kontakt mit diesem Stoff.

Der beste Weg zum Kennenlernen von Theaterstücken ist es, sie gemeinsam mit Freunden zu lesen. Durch die verteilten Rollen entsteht ein erster Eindruck des Stücks, deutlich besser als beim Alleinlesen. Und zum Glück habe ich theaterbegeisterte Freunde, die mit mir auch schwierige und lange szenische Lesungen mitmachen.

König Lear in der Übersetzung von Baudissin stellte sich als harter Brocken heraus. Erstens ist es ziemlich lang und zweitens entstand die Übersetzung 1832 und verwendet eine Sprache, die von der heutigen sehr weit entfernt ist. So verstand man leider viele Passagen nicht wirklich und die Mehrzahl der Wortspiele ging unter. Aber dennoch haben sich die Mühen gelohnt, ein erster Eindruck entstand von diesem Meisterwerk. Und ein paar Eindrücke möchte ich gern teilen.

Im Mittelpunkt des Stückes steht Lear, der zu Beginn leichtsinnig sein Reich an seine Töchter verteilt und sich vom Regierungsgeschäft zurückziehen will. Dabei griff Shakespeare ein altes Märchen auf, Lear fragt nämlich seine drei Töchter, welche ihn am meisten liebe. Während die beiden älteren Töchter wortgewandt Süßholz raspeln, ist die jüngste Tochter aufrichtig.

LEAR
… Nun Unsre Freude,
Du jüngste, nicht geringste, deren Liebe
Die Weine Frankreichs und die Milch Burgunds
Nachstreben, was sagst du, dir zu gewinnen
Ein reichres Dritteil als die Schwestern? Sprich!
CORDELIA
Nichts, gnädger Herr!
LEAR
Nichts?
CORDELIA
Nichts.
LEAR
Aus nichts kann nichts entstehn; sprich noch einmal!
CORDELIA
Ich Unglückselge, ich kann nicht mein Herz
Auf meine Lippen heben; ich lieb Eur Hoheit,
Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.
LEAR
Wie? Wie? Cordelia! Beßre deine Rede,
Sonst schädigst du dein Glück.
CORDELIA
Mein teurer Herr,
Ihr zeugtet, pflegtet, liebtet mich; und ich
Erwidr Euch diese Wohltat, wie ich muß,
Gehorch Euch, lieb Euch und verehr Euch hoch.
Wozu den Schwestern Männer, wenn sie sagen,
Sie lieben Euch nur? Würd ich je vermählt,
So folgt dem Mann, der meinen Schwur empfing,
Halb meine Treu, halb meine Lieb und Pflicht.
Gewiß, nie werd ich frein wie meine Schwestern,
Den Vater nur allein zu lieben.

Daraufhin enterbt sie Lear zornig und bietet sie mitgiftlos ihren beiden Verehrern an, dem Herzog von Burgung und dem König von Frankreich. Während Burgund sich ohne Erbteil auf keine Ehe einlassen möchte, erwacht im König von Frankreich der Idealismus, er nimmt sie trotzdem.

BURGUND
Hoher Lear,
Gebt mir den Anteil, den Ihr selbst bestimmt,
Und hier nehm ich Cordelia bei der Hand
Als Herzogin Burgunds.
LEAR
Nichts! Ich beschwors, ich bleibe fest.
BURGUND
Dann tut mirs leid, daß Ihr zugleich den Vater
Verliert und den Gemahl.
CORDELIA
Fahr hin, Burgund! –
Da Wunsch nur nach Besitz sein Lieben ist,
Werd ich nie seine Gattin.
FRANKREICH
Schönste Cordelia, du bist arm höchst reich,
Verbannt höchst wert, verachtet höchst geliebt!
Dich nehm ich in Besitz und deinen Wert.
Gesetzlich sei’s: ich nehme, was man wegwarf.
Wie seltsam, Götter, meiner Liebe Glühn
Und Achtung muß aus kaltem Hohn erblühn.
Sie mußte Erb und Glück bei dir verlieren,
Um über uns und Frankreich zu regieren.
Kein Herzog von Burgunds stromreichen Auen
Erkauft von mir die teuerste der Frauen!
Den Harten gib ein mildes Abschiedswort,
Das Hier verlierst du für ein beßres Dort.

Schon am Ende des ersten Aktes kommen die wahren Gefühle der beiden älteren Schwestern, Goneril und Regan zum Ausdruck. Denn ihre beredten Liebesbezeugungen waren nur vorgespielt, in Wirklichkeit verachten sie ihren Vater.

GONERIL
Schwester, ich habe nicht wenig zu sagen, was uns beide sehr nahe angeht. Ich denke, unser Vater will heut abend fort.
REGAN
Ja, gewiß, und zu dir; nächsten Monat zu uns.
GONERIL
Du siehst, wie launisch sein Alter ist; was wir darüber beobachten konnten, war nicht wenig. Er hat immer unsere Schwester am meisten geliebt, und mit wie armseligem Urteil er sie jetzt verstieß, ist zu auffallend.
REGAN
‘s ist die Schwäche seines Alters; doch hat er sich von jeher nur obenhin gekannt.
GONERIL
Schon in seiner besten und kräftigsten Zeit war er zu hastig. Wir müssen also von seinen Jahren nicht nur die Fehler längst eingewurzelter Gewohnheiten erwarten, sondern außerdem noch den störrischen Eigensinn, den gebrechliches und reizbares Alter mit sich bringt.

Im zweiten Akt wird dann Edmund eingeführt, unehelicher Sohn des Herzogs von Gloster. Er ist sehr von sich überzeugt und möchte mit allen Mitteln Edgar, seinen legitimen Halbbruder aus dem Weg räumen.

Mit einem gefälschten Brief schafft es Edmund, seinen Vater gegen Edgar aufzuhetzen, dieser muss fliehen und verwandelt sich als Tarnung in einen Wahnsinnigen mit dem Namen Tom.

In der Zwischenzeit merkt Lear, dass seine beiden Töchter ihm nicht mehr wirklich gewogen sind. Sie beschweren sich über seine hundert verbliebenen Ritter, deren Zahl sie immer weiter reduzieren wollen. Schließlich werfen sie ihn bei Sturm und Unwetter raus, Lear irrt umher, begleitet nur vom Narren und seinem treuen Gefolgsmann Kent.

LEAR
Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast!
Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!
Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd
Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrich
Die Formen der Natur, tilg alle Keime,
Daraus der undankbare Mensch entsteht.
NARR
Ach, Gevatter, Hofweihwasser in einem trocknen Hause ist besser als dies Regenwasser draußen. Lieber Gevatter, hinein und bitt um deiner Töchter Segen; das ist ‘ne Nacht, die sich weder des Weisen noch des Narren erbarmt.
LEAR
Rumple nur, was du kannst, spei Feur, flut Regen!
Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner sind meine Töchter;
Euch schelt ich grausam nicht, ihr Elemente,
Euch gab ich Kronen nicht, nannt euch nicht Kinder,
Euch bindet kein Gehorsam. Darum büßt
Die grause Lust: Hier steh ich, euer Sklav,
Ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet.
Und dennoch nenn ich knechtische Helfer euch,
Die ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern
Türmt eure hohen Schlachtreihn auf ein Haupt
So alt und weiß als dies. Oh, oh, ‘s ist schändlich!

Es gibt so viel zu entdecken an diesem Stück, zuallererst muss man wohl eine bessere Übersetzung auftreiben. Oder gleich im Original lesen. Es ist ein großes Werk, das sich aber nicht so leicht dem Leser erschließt.