Der perfekte Schauspieler (aus Regiesicht)

Ich stelle mir vor, ich bin ein Maler. Vor mir steht eine große Leinwand, auf der langsam ein Bild entsteht. Die groben Linien stehen, ein paar Farben kontrastieren miteinander, aber noch ist viel zu tun. Zum Beispiel dort in der rechten Ecke. Da bräuchte es mehr Rot, ich weiß es genau. Ich greife also zur Farbdose – welche plötzlich zu protestieren beginnt. Rot würde da doch nicht passen, grün wäre eindeutig besser. Daraufhin meldet sich auch die grüne Farbdose zu Wort, grün sei doch völlig daneben, das Bild doch eher in Blautönen gehalten. Ich solle doch dabei bleiben und zu einem hellen Blauton greifen. Und ich mache einen folgenschweren Fehler, ich lasse mich auf diese Diskussion ein. Erkläre geduldig, dass rot vielleicht doch ganz gut wäre an dieser Stelle. Nach einer halben Stunde hat sich das Rot schließlich durchgerungen und opfert sich für meine Vision.

Widerspenstige Schauspieler sind das Schlimmste, was einem Regisseur passieren kann. Zum Glück bin ich nur Regieassistent bei dieser Produktion. Wir haben in unserer Gruppe eine demokratische Kultur entwickelt, die dem Regisseur sehr viel Geduld abverlangt und den künstlerischen Prozess behindert. Als Schauspieler habe ich auch immer gern mitgeredet, aber da ich nun gelegentlich auf der anderen Seite stehe, erscheint mir dieser unbändige Mitsprachewille auf einmal völlig abwegig. Der perfekte Schauspieler setzt um, probiert aus, hinterfragt nicht ständig und konzentriert seine Energie auf die ästhetisch anspruchsvolle Ausgestaltung seiner Rolle. Er fragt nach, wenn er etwas nicht versteht, aber sonst probiert er es einfach aus, spielerisch und offen.

Ich denke, dass Wichtigste ist die positive spielerische Einstellung, das Bewusstsein für die Arbeitsteilung und der Wunsch, sich selbst voll einzubringen und an die Grenzen zu gehen. Gute Schauspieler erkennt man auch vor allem daran, dass sie gut vorbereitet sind, sie beherrschen ihren Text und haben sich darüber hinaus auch Gedanken zur emotionalen Gestaltung der Szene gemacht. Mit dieser Vorbereitung kann der Schauspieler ein Angebot machen, die Szene so spielen, wie er sie interpretiert hat. Das letzte Wort hat natürlich die Regisseurin, die aber so viel leichter arbeiten kann.

Die einzig zulässige Frage an den Maler wäre also “Welches Rot?”