Denis Diderot – Paradox über den Schauspieler

Das Theater Neumarkt präsentierte anlässlich der Neuübersetzung von Diderots Paradox über den Schauspieler einen Abend mit Lesung und Diskussion. Zwei erfahrene Regisseure – Luc Bondy und Urs Schaub – diskutierten unter der Leitung von Barbara Villiger Heilig.

Der Abend begann mit der sehr häufigen Erwähnung des Namens Felix Rellstab. Denn niemand anders als Felix Rellstab selbst hatte seinerzeit das historische Werk Diderots übersetzt und die Felix-Rellstab-Stiftung betreute nun auch die Neuübersetzung und Neuauflage. Interessanterweise hat Felix Rellstab eine Reihe von Theaterbüchern herausgegeben, von denen ich mir sicher noch das eine oder andere besorgen werde. Und er hat das Theater Neumarkt gegründet. Nun gut, eine lokale Theatergröße mehr, die ich bisher nicht kannte.

Im Publikum, gar nicht weit von uns, saß dann auch noch der derzeit bekannteste Schweizer Schauspieler – Bruno Ganz. Er sagte nicht viel, saß einfach da und lächelte ab und zu, wenn man seinen Namen erwähnte. Wahrscheinlich waren noch ein paar mehr Schweizer Prominente anwesend, und natürlich einige aufstrebende Jungschauspielerinnen, die sich dann später an die prominenten Regisseure und Schauspieler heranmachten.

Die Moderationskunst von Barbara Villiger Heilig (NZZ-Feulletonistin) ließ zu wünschen übrig. Zu fixiert auf ihre Inhalte und versehen mit eher theoretischem Wissen unterbrach sie die beiden älteren Herren mehrfach auf unschöne Weise. So kamen die beiden gar nicht richtig in Schwung, erst am Ende der Veranstaltung wurden sie einigermaßen warm. Und dann war es auch sehr plötzlich zu Ende. Man hatte den Eindruck, dass sie die beiden für eine längere Phase der Ignoranz strafen wollte. Und gerade diese Ignoranz war der Garant für einen schönen Gesprächsfluss gewesen, auch wenn sich das Gespräch thematisch immer weiter von Diderots Text entfernt hatte. Nach meinem Verständnis sollte sich der Moderator nicht inhaltlich einbringen, sondern lediglich das Gespräch sanft lenken und alle Ecken ausleuchten. Aber einfach ist das nicht.

Zwei männliche Schauspieler lasen einen Ausschnitt des Textes, der im späten 18. Jahrhundert entstand.

ZWEITER Ich zweifle daran.

ERSTER Und ich beharre auf meiner Meinung.

ZWEITER Beharren Sie darauf, ich bin einverstanden; aber denken Sie daran, ich bin keine Frau, und Sie müssen sich bitte erklären.

ERSTER Unbedingt?

ZWEITER Unbedingt.

ERSTER Es wäre mir angenehmer zu schweigen, als mein Denken zu verschleiern.

ZWEITER Das glaube ich.

ERSTER Ich werde streng sein.

(…)

ERSTER … Aber der Hauptpunkt, über den wir völlig gegensätzliche Auffassungen haben, … das sind die Grundanlagen des grossen Schauspielers. Ich verlange von ihm viel Urteilsvermögen. Ich will, dass in ihm ein kalter und ruhiger Beobachter der menschlichen Natur sei. Ich fordere als Folge davon durchdringenden Scharfblick, aber keine Empfindsamkeit; die Kunst, alles nachzuahmen oder, was auf dasselbe herauskommt, die gleichen Anlagen für alle Arten von Charakteren und Rollen.

ZWEITER Keine Empfindsamkeit?

ERSTER Keine.

(…)

Sie sind für allzu vieles gleichermassen befähigt, sind zu sehr beschäftigt mit Beobachten, Auskundschaften und Nachahmen, als dass sie in ihrem Inneren heftig ergriffen würden. Ich sehe sie dauernd mit dem Notizblock auf den Knien und dem Bleistift in der Hand.

Wir, wir fühlen. Sie, sie beobachten, studieren und malen. Soll ich es sagen? Warum nicht. Empfindsamkeit ist kaum eine Eigenschaft des grossen Genies. Nicht sein Herz, sein Kopf tut alles. Der empfindsame Mensch verliert ihn beim geringsten unerwarteten Umstand. Er wird weder ein grosser König, noch ein grosser Minister, noch ein grosser Kapitän, noch ein grosser Advokat, noch ein grosser Arzt.

Füllt den Zuschauerraum mit diesen Trauerweiden, aber lasst mir keinen einzigen von ihnen auf die Bühne.

Quelle: Denis Diderot, Paradox über den Schauspieler, Übersetzung von Felix Rellstab

Es geht um zwei Extreme des Schauspiels, Empfindsamkeit und kaltes Beobachtunsvermögen, letzteres wünscht sich Diderot mehr. Aber eigentlich ist das nicht das wirklich Spannende an diesem Text. Spannend ist vielmehr, dass das Theater damals ein Leitmedium war. Ähnlich wie heute die Kontroverse über Fernsehen und Videospiele tobt, denen man Verdummung oder Steigerung der Gewaltbereitschaft vorwirft, diskutierte man damals ganz ähnliche Fragen in Bezug auf das Theater. Heute ist Theater ein Randmedium, die großen Gefühle finden im Kino statt. Anstatt sich daran zu messen, gehen viele Theatermacher neue Wege, sie lösen sich von den Konventionen des Dramas (Postdramatik). Entsprechend ist der Text trotz seiner Zeitlosigkeit schwierig zu bewerten. Für Schauspieler bringt er wenig, da nur über Schauspieler an sich diskutiert wird, ohne eine Technik vorzuschlagen. Das kam erst später mit Stanislawski und Strasberg. Und so glitt die Diskussion immer wieder in die Gefilde der konkreten Erfahrungen ab, Bondy und Schaub plauderten aus dem Nähkästchen, und das war gut so.

Und sie ließen auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie auch nicht genau wüssten, wie gute Schauspieler arbeiten. Letztlich müsse man das als Regisseur nicht verstehen. Es ist eine zu komplexe, zu individuelle Kunst, als dass man darüber allgemeingültige Aussagen treffen kann. Und das Gleiche gilt für die Regie. Jeder Regisseur tickt anders, körperbetont, kopfbetont, theaterpädagogisch – am Ende entsteht ein Prozess mit einem mehr oder weniger guten Resultat, das man selbst eigentlich gar nicht gut beurteilen kann.

Alles in allem ein schöner Abend, den ich mit einigen Theaterfreunden sehr genoss.