Der Regisseur

Was bedeutet es eigentlich, Regisseur zu sein? Es ist einer meiner Träume und ich lese viel darüber derzeit. Und so langsam kristallisiert sich heraus, was sich eigentlich dahinter verbirgt. Wenn man einzig die praktische, unmittelbare Seite sieht, tut man als Regisseur folgendes:

Einen rätselhaften Beruf hat der Regisseur: Er zieht viele Wochen in leidlich geheizte, große und meistens etwas heruntergekommene Räume und treibt eine Schar unterschiedlichster, zum Teil divenhafter, zum Teil liebenswerter Menschen zu bestimmten Lebensentäußerungen. Er sagt ihnen, wie sie Sätze zu betonen haben, er stellt sie in ausgedachte räumliche Anordnungen, er gibt ihnen Anweisungen, wann sie sich bewegen dürfen und wann nicht. Er sagt ihnen, wass sie sprechen sollen und was für ein Gesicht sie dabei zu machen haben. Er schreibt ihnen vor, was für Kleidung sie tragen und wie sie sich auf einen Stuhl setzen sollen. Er lässt ihnen mit hellen Lampen ins Gesicht strahlen, und trotzdem sollen sie nicht mit den Augen blinzeln. Er strapaziert ihre Stimmen, redet von undeutlicher Aussprache und dass der Text auch gemeint werden muss und nicht nur aufgesagt werden darf. Er kritisiert die Schauspieler, dass sie zu sehr schauspielern und ihre Texte zu sehr nach Theater klingen. Er verlangt, dass nicht gespielt werden soll und stattdessen normal gesprochen wird. Er sagt, dass sie nicht genug spielen und die Texte nicht klingen. Er setzt ihnen Masken auf, und nun sollen die Körper das ausdrücken, was zuvor das Geischt konnte. Er zieht alle aus und andere wieder in Kostüme, die noch in der Kantine ziemliches Aufsehen erregen. Er erklärt, was der Text eigentlich meint, und er verbietet, dass die Bedeutung mitgespielt wird.

Bernd Stegemann, Regie als Beruf


Sitzbrett, das die Welt bedeutet

Es ist eine sehr komplette Beschreibung, die ziemlich genau die Bandbreite von Regieanweisungen widergibt. Es geht immer um ein Hin- und Herpendeln zwischen den widersprüchlichen schauspielerischen Forderungen nach Ausdruckskraft und Nachahmung. Als Regisseur sollte man im Idealfall wissen, warum man mehr oder weniger Ausdruckskraft braucht. Und damit beginnt eine Reise in die Geschichte der Dramaturgie, dieser sich ständig wandelnden Lehre der Beschaffenheit von Stücken. Je nach Epoche stand mal die Ausdruckskraft im Mittelpunkt, mal die einfühlsame Nachahmung.

Durch meinen theatralischen Werdegang bin ich eher auf der Seite des Naturalismus gelandet, einige an Stanislawski und Strasberg orientierte Kurse haben mich sehr stark geprägt. Aber Naturalismus ist nicht alles, gerade in letzter Zeit habe ich mehrere Inszenierungen gesehen, die neben starken naturalistischen Szenen auch humorvolle Unterbrechungen der Bühnenillusion einsetzten. Der gekonnte und lustvolle Wechsel zwischen Fiktion und der Realität des Theatermachens hat mich beeindruckt und ist auch mittlerweile der Standard im Repertoire heutigen Bühnenschaffens.


Wiener Hoftheater, Mekka für Regisseure

Es ist eine große Welt, die sich da auftut, mehr als 2000 Jahre Theatergeschichte. Und als Regisseur kennt man die wichtigsten Strömungen, um dann im Idealfall doch einen eigenen Stil zu finden, den ich mir als spielerische Kombination des Bestehenden vorstelle.

Regie – Bernd Stegemann (Herausgeber), Nicole Grönemeyer (Herausgeber)