Die Heldenreise als Grundmuster von Erzählungen

Das Erzählen von Geschichten ist eine uralte Tradition, sie zu hören und mitzuerleben ein Grundbedürfnis des Menschen. Doch was macht eine gute Geschichte aus? Im Grunde sind die meisten Erzählungen nach dem gleichen Muster aufgebaut, der Heldenreise, dies fand Joseph Campbell durch die Analyse unzähliger Mythen heraus.

Stationen der Heldenreise

  1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe
  2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
  3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
  4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können
  5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
  6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
  7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
  8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
  9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
  10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
  11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird)
  12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.

Quelle: Wikipedia-Artikel Heldenreise

Spannend ist natürlich die Frage, inwieweit dieses Muster auch auf Theaterstücke anwendbar ist. Ich denke, dass dies bei klassisch orientierten Dramen durchaus der Fall ist, der Aufbau eines Regeldramas mit fünf Akten spiegelt eine Heldenreise wider. Einige dramatische Formen wenden sich vom Regeldrama und damit auch von erzählerischen Mustern ab. Ein Beispiel dafür ist das Postdramatische Theater, welchem das Geschehen auf der Bühne und die Kommunikation zwischen Schauspielern und Zuschauern wichtiger ist als die Werkstreue.

Aber trotz einiger Ausnahmen bietet die Heldenreise ein anschauliches und praktisches Grundgerüst, mit dem man dramatische Stoffe analysieren kann. Aber trotz dieses scheinbar immer gleichen Rezepts haben Schriftsteller immer wieder neue Stoffe und Charaktere gefunden, Variationen und Abwandlungen, die uns Zuschauer in den Bann schlagen.

Erst kürzlich sah ich in einem Oerlikoner Freiluftkino Match Point von Woody Allen. Der Held des Films, Chris Wilton, erfährt seinen Ruf zum Abenteuer durch die Bekanntschaft der attraktiven, mittellosen Schauspielerin Nola Rice. Eine Beziehung kommt nicht in Frage, da er mit Chloe Hewett liiert ist, sein Garant für den Aufstieg und ein unbeschwertes Leben in Reichtum und Luxus. Aber er kann nicht anders als sich ihr anzunähern, während eines prasselnden Sommerregens kommen sich die beiden im Kornfeld näher. Die entscheidende Prüfung folgt dann später, Nola wird von ihm schwanger und stellt ihm ein Ultimatum, sich von seiner Frau loszusagen. Chris befindet sich in einem Dilemma, er muss zwischen wahrer Liebe und seinem sinnentleerten Luxusleben wählen. Er entschließt sich, Nola umzubringen. Und es gelingt ihm sogar, seinen raffinierten Plan in die Tat umzusetzen. Die Rückkehr des Helden ist durch die Beseitigung aller Spuren und die Gespräche mit der Polizei umgesetzt. Immer wieder steht er knapp vor seiner Entdeckung, ein Polizist hat sogar eine nächtliche Eingebung des wahren Tathergangs. Doch durch unverschämtes Glück – das Hauptthema das Films – kommt Chris davon, die Geburt seines langersehnten ersten Kindes erlebt er teilnahmslos und wird nachts von den Toten heimgesucht. Dies ist die in diesem Fall negative Veränderung, sinnbildlich der Preis des Erfolgs. Ein toller Film.

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