ZES-Kameratraining 3 – Szenenvorbereitung

Morgen zählt es, wir drehen eine Dialog-Szene in verschiedenen Einstellungen mit Scheinwerfern und allem, was dazu gehört. Sicherlich kommen wir nicht an die Ausstattung eines professionellen Filmsets heran, aber für uns Kamera-Neulinge wird es trotzdem aufregend genug sein. Denn viele Versuche gibt es nicht, eine Einstellung kann aufgrund so vieler technischer Mängel rausfallen, dass es wenig Spielraum für Fehler beim Schauspieler gibt.

Eine gute Vorbereitung der Szene ist deshalb extrem wichtig. Ich habe mir die Seite ausgedruckt und die freien Ränder für meine Anmerkungen genutzt. Ich gehe dabei systematisch vor.

  1. inhaltliche Gliederung
  2. emotionale Gliederung
  3. Stichworte des Dialogpartners für Reaktionen
  4. Betonung, Bedeutung des eigenen Textes

Spannend an der Szene ist, dass wir zwei Interpretationen abliefern sollen. Inhaltlich geht es um den plötzlichen Tod von Mimmo, Person 2 hadert mit dem Schicksal. Meine Rolle ist Person 1, welche an größere Zusammenhänge glaubt und Person 2 tröstet. Mir selbst ist eine solche Weltsicht fremd, umso spannender, diese Sätze glaubhaft zu sprechen. Am Ende offenbart Person 1 noch, dass auch sie kürzlich den Tod ihrer Mutter verkraften musste, ein sehr emotionaler Abschluss der Szene.

In der ersten, naheliegenden Interpretation ist Person 1 ein strenggläubiger Pfarrer. Damit machen die Aussagen Sinn, Gott ist gemeint, wenn auch nicht direkt im Text angesprochen (Alles ist irgendwie Teil eines größeren Ganzen.) Und strenggläubig sagt auch wenig über den Charakter aus, es kann ein einfühlsamer oder ein arroganter strenggläubiger Pfarrer sein. Aber einfühlsam passt besser zum Text, so dass ich es auf diese Art interpretieren werde. Gestisch sehe ich die ausgebreiteten Arme mit nach außen geöffneten Händen und einen nach oben gewandten Blick, aber im direkten Gespräch passt das nicht wirklich. Ein gelegentlicher Blick ins Weite muss genügen. Innerlich werde ich Zwiesprache mit Gott halten oder an das Vaterunser denken, da kommt mir meine katholische Kindheit zugute.

Die zweite Interpretation ist deutlich anspruchsvoller, zwei Räuber unterhalten sich nach einem missglückten Überfall. Person 1 ist aggressiv, bewaffnet und frustriert. Das gibt dem Text eine ganz andere Bedeutung. Ich interpretiere es mal als arrogant, meine verwundete Kumpanin auf die großen Zusammenhänge hinzuweisen (Ich glaube nicht an Zufälle.) und denke mir innerlich, dass sie es verbockt hat. Die Sache mit der toten Mutter ist dann natürlich extrem unpassend, ich versuche es mal nicht ernst gemeint. Obwohl Person 2 dann extrem naiv wirkt, wenn es ihr leid tut. Alternativ könnte Person 1 tatsächlich ihre Mutter verloren haben, dann muss der Übergang von Frustration und Aggressivität zum offenen, emotionalen Gespräch bewältigt werden. Ich bin auf Marco’s Regie gespannt.