ZES-Kameratraining 1 – Einführung Filmschauspiel

Heute fand die erste Lektion des ZES-Kameratrainings statt. Ich habe mich für drei Lektionen angemeldet, wir sind zu dritt. Die heutige Auftaktveranstaltung nutzte Marco Hausammann-Gilardi für eine Einführung in das Thema Filmschauspiel. Denn wir alle hatten bisher eher Theatererfahrung gesammelt und die Gesetzmäßigkeiten und Gepflogenheiten der Filmbranche waren für uns neu.

Weniger ist mehr

Die Unterschiede zwischen Theater und Film ergeben sich aus der komplett verschiedenen Zuschauerperspektive. Beim Theater sitzen die Leute im Zuschauerraum und sehen stets die gesamte Bühne. Da sich alles unmittelbar vor ihren Augen abspielt, können sie selbst entscheiden, wohin sie schauen. Eine gute Inszenierung wird natürlich versuchen, den Fokus auf eine bestimmte Handlung zu lenken und durch Lichttechnik können Teile der Bühne ausgeblendet werden, aber letztendlich entscheidet jeder Zuschauer selbst, was ihm im Moment gerade wichtig ist. Beim Film wird diese Entscheidung durch die Wahl des Bildausschnitts gefällt. Die Zuschauer sehen einen Fernseher oder eine Kinoleinwand mit einem bestimmten Ausschnitt und einem genau definierten Fokus. Bei einer Naheinstellung im Film sieht man einen Teil des Gesichts, typischerweise Augen und Mundpartie. Der Zuschauer ist also viel näher dran als beim Theater und nimmt jede Zuckung und jede Schweißperle wahr.

Ein klassisches Beispiel für Gesichts-Nahaufnahmen ist Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone.

Aus diesem Unterschied in der Distanz und Wahrnehmung resultiert ein deutlich reduziertes Spiel vor der Kamera. Man spielt weniger stark, muss aber trotzdem extrem präsent und präzise sein.

Action!

Der zweite Unterschied besteht darin, dass bei einer Filmproduktion extrem viele Leute am Drehort mit den technischen Aspekten der Aufnahme und Beleuchtung beschäftigt sind. Wenn das Licht aufgebaut ist, die Schienen und Kräne für die Kamerafahrten eingerichtet sind und das magische Wort Action erklingt, muss der Schauspieler seine Leistung bringen. Da jede Minute Geld kostet und die Zeit sehr genau eingeteilt ist, bedeutet jede zusätzliche Aufnahme eine Verzögerung und damit Zusatzkosten.

Und viel Zeit für Proben gibt es nicht, als Schauspieler muss man sehr gut vorbereitet an die Probe kommen. Es gibt vor jeder Szene eine kurze Besprechung für alle Beteiligten, zu denen auch die Schauspieler gehören, danach gibt es einige Probedurchläufe und dann wird die Szene mehrmals mit verschiedenen Kameraeinstellungen gedreht. Je nach Regisseur werden alle Einstellungen gemacht oder nur bestimmte, es muss aber immer genau gleich aussehen, damit man dann auch schneiden kann.

Tricks

Desweiteren gibt es etliche Tricks, um Szenen filmisch gut aussehen zu lassen, die aber ein unnatürliches Verhalten erfordern. Ein Beispiel ist Nähe. Normalerweise würden zwei Menschen, die sich unterhalten, in einem Abstand von vielleicht einem Meter sitzen. Filmisch sieht das nicht wirklich gut aus, wenn man beide Köpfe im Bild haben möchte. Deshalb verringert man den Abstand auf eine sehr nahe Distanz, dann sieht das Bild besser aus, die Köpfe nehmen einen größeren Anteil des Bildes ein und die Gesichter sind auch besser erkennbar.

Fazit

Für mich klang das alles doch sehr abschreckend, da lobe ich mir doch die Theaterwelt, wo sich alles um die Schauspieler dreht und die Technik eine untergeordnete Rolle spielt. Und außerdem bin ich nicht wirklich sicher, ob mich die Kamera mag. Nächste Woche legen wir dann endlich los mit dem Drehen, eine kurze Szene wird am Ende eine Filmminute ergeben. Ich bin gespannt.

Michael Caine: Weniger ist mehr. Kleines Handbuch für Filmschauspieler