Der Fluch der Freiheit (asuperheroscape)

Freiheit ist ein schöner Begriff, er ist so positiv besetzt, individuell und gesellschaftlich zugleich. Und es liessen sich so viele schöne Konflikte erdenken, die Sehnsucht nach eigener Freiheit könnte mit den Wünschen der Familie aneinandergeraten (Die Glasmenagerie) oder den Konventionen der Gesellschaft (Madame Bovary). All das sind zeitlose Konflikte, die auch im Heute noch funktionieren und in denen sich jeder wiederfindet.

Stattdessen sehen wir Leute in seltsamen Kostümen, die sich über Freiheit echofieren. Man merkt den Dialogen an, dass sie durch Improvisation entstanden, sie reissen vieles an und führen nirgends hin, sie werden einfach unterbrochen vom nächsten Einfall, vom nächsten Auftritt. Ein paar Emotionen entstanden, ein als Panzer verkleideter Mann verbreitet Angst und Schrecken, indem er die schwarzen Bäume umwirft, um dann sofort charmant zur Mitwirkung einzuladen. Freiheit durch Zerstörung des Bestehenden – das wollen wir schon mal nicht, das ist böse. An einer Stelle gab es auch einen Konflikt, der clowneske Typ griff den Panzertyp an, der Streit blieb aber seltsam abstrakt und künstlich. Oder wir schauen alle zusammen auf die schwarzen Bühnentannen und sehen verschiedene Dinge. Überraschenderweise ist die Wahrnehmung verschieden, wenn man dazu nur lange genug gedrängt wird.

Am Ende spielten wir alle noch eine Szene aus der Schweizer Freiheitsepos Wilhelm Tell, ich erwischte sogar die Hauptrolle. Auf grossen Tafeln stand der Text, rot unterlegt war die eigene Rolle. Der Apfelschuss, ein Höhepunkt des Stücks zeigte improvisiertes klassisches Theater, was der Regisseur nicht mag. Anstatt den Schuss wirken zu lassen, unterbrach der Panzer-Mann sofort mit der Bemerkung, das alles sei feige. Klassisches Theater mit seinen Figuren und vorgefertigten Texten sei feige, da man sich dahinter versteckt.

Ich blieb als Zuschauer distanziert, das Wirken dieser seltsam verkleideten, seelenlosen Figuren interessierte mich nicht. Es liess mich kalt, abgesehen von ein paar schönen Momenten. Denn die erfahrenen Schauspieler (ungefähr die Hälfte der Beteiligten) hatten durchaus Potenzial und ich sah ihnen gern zu. Aber ohne einen Spannungsbogen, ohne eine Prämisse (z.B. Freiheit ist toll, Freiheit führt zu Verblödung, Freiheit ist wichtiger als Familie) bleibt so ein Abend eine Aneinanderreihung von Klischees. Am Ende las eine Darstellerin das vor, was jeder am Eingang zum Thema Freiheit gesagt hatte. Es bleibt also offen, was Freiheit bedeutet, die Inszenierung weiss es auch nicht und man hätte eigentlich auch zu Hause bleiben können.

Die inszenierende Kerntruppe nennt sich asuperheroscape und setzt auf Irritation. Ein kurzer Blick auf die Webseite demonstriert das eindrücklich. Ich denke, dass Irritation feige ist, nicht klassisches Theater. Hinter Irritation könnt ihr alles verstecken, denn die an diesem Abend immer wieder benutzte Irritation ist kein Konzept sondern eine Ausrede für fehlendes Handwerkszeug.