Lajos Egri – Dramatisches Schreiben

Die momentane Theaterpause möchte ich nutzen, um mich intensiver mit den Fundamenten des Theaters auseinanderzusetzen. Als Schauspieler versuche ich, den Augenblick auf der Bühne publikumswirksam zu erleben, immer wieder aufs Neue. Die Kenntnis der größeren Zusammenhänge ist dafür nicht unbedingt erforderlich, ein guter Regisseur hat das ominöse Ganze ohnehin im Blick. Aber was genau macht eine gute Szene oder ein gutes Stück aus? Für solche Fragen möchte ich meinen Blick weiten und das Buch The Art of Dramatic Writing von Lajos Egri ist ein guter Anfang.

Prämisse

Die Basis für jedes Drama ist eine Prämisse, also ein Satz, welcher das Stück beschreibt. Die Analogie beim wissenschaftlichen Arbeiten wäre die Hypothese. Ohne saubere Hypothese ist kein sinnvolles Experiment möglich, viele wissenschaftliche Arbeiten verkommen zu collagenhaften Zusammenstellungen. Und das Gleiche gilt für Bühnenstücke, ohne Prämisse läuft das Stück ins Leere.

Egri nennt auch einige Beispiele für Prämissen erfolgreicher Theaterstücke:

  • Romeo und Julia (Shakespeare) – Große Liebe trotzt sogar dem Tod.
  • König Lear (Shakespeare) – Blindes Vertrauen führt zu Zerstörung.
  • Macbeth (Shakespeare) – Skrupelloser Ehrgeiz führt zur Selbstzerstörung.
  • Gespenster (Ibsen) – Die Sünden der Väter suchen die Kinder heim.
  • Tartuffe (Molière) – Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Charakter und Handlung

Im Gegensatz zu Aristoteles betont Egri die Wichtigkeit der Charaktere gegenüber der Handlung. Jede Handlung besitzt eine Ursache, den Entschluss eines Charakters. Alle Handlungen müssen aus dem Charakter der handelnden Personen begründbar sein. Nichts ist schlimmer als wenn man einer Rolle ihre Handlungen nicht abnimmt.

Ein Charakter besteht aus drei Dimensionen, der Physiologie, der Psychologie und der Soziologie. Die äußeren Merkmale wie Körpergröße, Muskelkraft, Alter, Humpeln, Schwerhörigkeit, sichtbare Narben haben einen immensen Einfluss auf den Charakter. Wie sieht die Welt aus aus Sicht einer kleinen, alten, schwächlichen Frau? Oder aus Sicht eines tapsigen Riesen? Die Psychologie eines Charakters ist ein weites Feld, die zentralen Charaktere eines Stückes sollten auf jeden Fall ein klares Ziel und eine gewisse Willenskraft haben. Sonst käme es gar nicht zum Konflikt. Deshalb ist die Welt des Dramas immer eine verdichtete Welt, in der besonders ausgeprägte und willensstarke Personen aufeinander treffen. Der Alltag mit seinen vielen liebenswürdigen, ziellosen, unentschlossenen Menschen bietet wenig Stoff für ein Drama – zum Glück. Das soziale Umfeld ist die dritte Dimension, sie beeinflusst die Psychologie, sowohl durch die Kinderstube als auch den Freundes- und Bekanntenkreis.

Die Kunst des Autors besteht darin, sein Stück mit spannenden Charakteren zu füllen, welche schon durch ihre Charakterzüge den sich anbahnenden Konflikt und die Auflösung in sich tragen (Prämisse). Charakterentwicklung geschieht im Laufe des Stücks durch Einwirkung von innen und außen. Hier liegt auch der Schlüssel für die Analyse von Szenen. Denn jede Szene bewirkt eine kleine, glaubhafte Entwicklung in mindestens einem Charakter. Wenn sie es nicht täte, könnte man sie getrost streichen.

Die Toscana-Therapie

Zum Schluss möchte ich noch eine Prämisse für die Toscana-Therapie entwickeln.

Gerhard und Karin sind können ihre Bedürfnisse nicht klar ausdrücken, das führt zur Zerstörung ihrer Ehe. Am Ende erscheint jedoch die göttliche Figur Dieter und löst den Konflikt auf, so dass sich Karin und Gerhard in der allerletzten Szene halbherzig versöhnen. Aber wahrscheinlich muss man für die Prämisse das Ende weglassen und landet bei sowas wie: Fehlende Kommunikation der eigenen Wünsche zerstört eine Beziehung. Es bleibt aber ein komisches Gefühl bei diesem Ende, welches die Prämisse ad absurdum führt.

Die Charaktere bergen dies schon in sich. Einem verstaubten, akademischen Ehepaar traut man nicht mehr zu, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu lösen. Die restlichen Charaktere sind eher flach gehalten, sie entwickeln sich kaum. Dieter ist der treibende Charakter, sein angekündigtes Kommen setzt den Konflikt in Gang und er hat ja das Ganze als Therapie inszeniert. Die anderen sind allesamt Dieters Stellvertreter, um Gerhard und Karin in Bedrängnis zu bringen, sie erklären am Ende ihre Rolle im Stück.

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