Friedrich Dürrenmatt – Die Ehe des Herrn Mississippi

Im Rahmen einer szenischen Lesung lernte ich gemeinsam mit Freunden das frühe Dürrenmatt-Stück Die Ehe des Herrn Mississippi kennen. Insgesamt fand ich das Stück mittelmäßig, aber Dürrenmatt verwendete einige spannende Ansätze und Ideen, die ich gern diskutieren möchte.

Jede Hauptperson im Stück verkörpert eine Idee oder Ideologie. Mississippi steht für biblische Gerechtigkeit, Saint-Claude für Kommunismus, Übelohe für Liebe, Anastasia für Jetztbezogennheit, Diego für Realpolitik und Machtwillen. Die Handlung zwischen den Personen ist demzufolge entweder symbolisch als Auseinandersetzung von Ideen zu verstehen oder dient lediglich als Rahmen.

Die Anfangsszene zeigt Anastasia kurz nach dem Tod ihres ersten Gatten, eines Zuckerfabrikanten. Mississippi, der unerbittliche Staatsanwalt, besucht sie und wirft ihr vor, dass sie ihren Gatten vergiftet habe. Sie leugnet, Mississippi kann sie letztendlich aber doch zu einem Geständnis bewegen. Er gesteht ihr, dass auch er seine Gattin umgebracht habe, als Strafe für diese beiden Morde bietet er ihr die Ehe an.

Ich fand diese Anfangsszene sehr gelungen, sprachlich sehr gehoben und alle Regeln der Etikette wahrend, aber doch bitterböse in der Darstellung menschlicher Abgründe. Jedoch sind es ja keine echten Menschen, sondern Ideen, die da auf der Bühne wandeln. Somit ist die Ehe zwischen Mississippi und Anastasia symbolisch zu verstehen, als Aufeinandertreffen von biblischer Gerechtigkeit und Wirklichkeit. Während Mississippi unaufhaltsam Todesurteile im Dienste seines Gerechtigkeits-Ideals durchsetzt, wird Anastasia zum Engel der Gefängnisse, indem sie den zum Tode Verurteilten Trost spendet. Unnachgiebige Härte wird durch Mitgefühl begleitet und erst dadurch real.

Saint-Claude ist illegal eingereist, um die kommunistische Revolution auch in dem Land anzufachen, wo das Stück spielt. Ironischerweise bezeichnet Saint-Claude es als historisches Unglück, dass sich der Kommunismus ausgerechnet in Russland festgesetzt hat, was dazu am wenigsten geeignet sei. Aber es ist ja nicht die letzte Revolution, erst soll der Westen kommunistisch werden, damit dann am Ende in einem weiteren Schritt auch die Sowjetunion durch eine Revolution wahrhaft kommunistisch werden wird.

Im Stück kennen sich Mississippi und Saint-Claude von früher, als Söhne von Dirnen fristeten sie ihr Dasein in kalten Kellerlöchern. In dieser Situation fand Mississippi eine Bibel und Saint-Claude “Das Kapital”, welches beiden zur existenziellen Lektüre wurde. Überspitzt könnte man sagen, dass Armut und Elend der Nährboden für alle Ideologien sind und dass lediglich der Zufall darüber entscheidet, welche Idee beim Einzelnen verfängt.

Interessant ist nun die Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und biblischer Gerechtigkeit. Saint-Claude will Mississippis Kopf, entweder als Führungsfigur der kommunistischen Bewegung oder als Vorwand für den Aufstand, welcher den Umsturz einleiten soll. Auf der symbolischen Ebene könnte man also sagen, dass Kommunismus nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, sondern sie instrumentalisiert und über Leichen geht. Die ideologische Debatte ist im Stück dann auch explizit enthalten, der Wettstreit der Ideen somit klar erkennbar.

Die dritte große Idee ist Liebe, verkörpert durch Graf Übelohe. Er ist jedoch im Stück eher marginal eingebunden, Dürrenmatt hat ihn etwas stiefmütterlich behandelt. Die Assoziationen dieser Figur mit Jesus, Don Quijote, Albert Schweitzer sind explizit und eindeutig, die Figur selbst philosophiert über ihre Bestimmung und bezichtigt sich der Lächerlichkeit. Köstlich auch die Annahme, eine einzige Nacht mit Anastasia mache sie zu seiner ewigen Geliebten.

Sprachlich ist das Stück umständlich und altmodisch, es leidet dadurch enorm. Die Charaktere reden auch alle ähnlich geschwollen, was das Stück unnötig schwer zu lesen und verstehen macht. Jedoch haben wir die literarisch gültige Fassung gelesen, möglicherweise existieren Bühnenfassungen, die diese Nachteile nicht mehr haben.

Mein Fazit ist, dass ich dieses Stück ungern spielen möchte, ich bevorzuge authentisches Spiel, was bei solchen Ideenstücken der falsche Ansatz ist. Dennoch ist die Grundidee spannend, ein Stück aus dem Wettstreit von Ideen zu entwickeln und so etwas Zeitloses und Allgemeingültiges zu schaffen. Aber was wäre dies, was ist die Prämisse dieses Stücks? Ideale scheitern an der Wirklichkeit – etwas wenig.