Deutschland – eine Winterreise

Es sah nicht gut aus an den Tagen vor Weihnachten, das Verkehrschaos in Deutschland dominierte die Schlagzeilen. Der Frankfurter Flughafen musste an einem Tag alle Flüge absagen, die Deutsche Bahn empfahl allen Reisenden, lieber nicht zu reisen und auf den Autobahnen sah es auch nicht gerade rosig aus. Aber die Bahntickets waren gebucht, die Weihnachtstour geplant – nichts konnte mich aufhalten.

schneechaos

Schneechaos in Deutschland, selbst Kinder halfen mit, die Autos freizuräumen.

Die nächtliche Fahrt von Hamburg nach Brandenburg war die erste Prüfung. Schneetreiben auf der Autobahn, die Spuren kaum erkennbar, dichter Verkehr, wir fahren mit 50 km/h, die Scheibenwischer ratschen über die Windschutzscheibe, Konzentration, jeder Spurwechsel führt weg von den schneefreien Fahrspuren über einen rutschigen Schneehügel, nie wieder, Konzentration, Schneetreiben, wir fahren 70, immerhin, es wird Mitternacht, die Autobahn zieht sich, warum fahren immer wir zur Familie, Konzentration, nicht müde werden, könnte man eigentlich wirklich bremsen jetzt, wenn es sein müsste? Dann Landstraße, ich hasse Brandenburg, abseits von allem, in einem dieser langgezogenen Dörfer steht plötzlich ein Auto vor uns, Warnblinker, nicht weiterfahren, ein Lastwagen ist von der Straße gerutscht, es wird draußen immer kälter und Glatteis plausibel, wir drehen um, nehmen eine kleine Straße durch weitere Dörfer, vorsichtig mit 50 fahren wir, einmal rutscht es, aber nur kurz, das Auto fängt sich wieder, Konzentration, immer weiter zu einer besseren Landstraße, wir nähern uns Brandenburg von Norden, dieser Wald kommt mir bekannt vor, Konzentration, abbiegen, ankommen, das war knapp, Mama wartet auf uns, es ist zwei Uhr nachts, schlafen.

emdener haus

Gekipptes Architekturfoto in Emden.

Familiengespräche, stundenlang, eher Selbstdarstellung als Zuhören, vielleicht bin ich einfach nicht in der Stimmung, aber ich bringe mich ein, selbstdarstellerisch kann ich auch, werfe Worte in den Raum, andere werfen andere Worte in den Raum, wir leben in verschiedenen Welten, seit vielen Jahren, die gemeinsamen Jahre liegen lange zurück, es ist immer wieder Arbeit, diese Neugierde aufzubringen für das Leben der Anderen, selbst erzählen ist einfacher. Die Welt der Brandenburger Chefärzte und Krankenhausaffären, die Welt von YFU und dieser anderen Firma, groteske Charaktere und ergreifende Schicksale nehmen kurz Gestalt an, bis es zum nächsten geht.

Grüne Klöße – der Inbegriff von Weihnachtsessen. Die Gans brauche ich eigentlich nicht, Klöße und Soße reichen aus. Vielleicht noch etwas Rotkraut als Farbtupfer. Die Klöße bestehen aus geriebenen und gekockten Kartoffeln. Es ist eine ganz spezielle Reibe, welche jedes Jahr zu Weihnachten diese feinen Kartoffelfäden hervorbringt, natürlich von Hand betrieben. Und diese Fäden geben den Klößen dann jene spezielle Konsistenz, die ich seit meiner Kindheit mit Weihnachten verbinde.

wunderkerze mit händen

Silvesterstimmung

Emden – nette Kleinstadt im absoluten Nordwesten von Deutschland, etwas weiter nördlich liegt die Insel Norderney, wo unsere erste Manos-Klassenfahrt hinging. Es wird wärmer, endlich. Ich atme auf und genieße die Wintersonne und das Wiedersehen mit anderen Dresdner Freunden. Ein ruhiges Silvester, so richtig in Feierlaune ist keiner von uns. Der harte Kern von Emden – vielleicht 40 Leute – ist mit uns am Hafen, Feuerwerk gibt es trotzdem reichlich, so dass schon kurz nach Mitternacht ein Pulverdampf über Emden liegt wie über den Feldern von Waterloo. Wir tragen nur mit ein paar Wunderkerzen zur Luftverschmutzung bei.

weites land

Weites Land bei Greetsiel am Neujahrstag