Rietbergregensonntagnachmittag

Was macht der kultivierte Stadtzürcher an einem regnerisch-kalten Sonntagnachmittag? Er setzt sich ins Tram Nummer Sieben und fährt in den Süden der Stadt, vorbei am Bahnhof Enge zum Museum Rietberg. Am höchsten Punkt einer beschaulichen Parkanlage mit alten Villen befindet sich der Museumsneubau. Oberirdisch ist nur der Empfangsbereich und das Museumsgeschäft in einem quaderförmigen Glasgebäude mit markanter Musterung, Smaragd genannt. Die Ausstellungen verbergen sich in zwei Untergeschossen, welche den Oberbau flächenmäßig weit übertreffen. Wie in ein Höhlensystem dringt man immer tiefer ins Innere der Erde vor und sieht Exponate außereuropäischer Kulturen.

Rietberg-Regenschirme

Regenschirme waren die einzigen Farbtupfer an diesem regnerischen Sonntagnachmittag.

Mein Ziel war die Bhutan-Ausstellung mit zahlreichen buddhistischen Figuren und Wandteppichen. Die meisten Sachen sind Leihgaben aus Tempeln, zwei Mönche zelebrieren zweimal täglich ein Verehrungsritual. Sie sitzen da und murmeln unverständliche Gebetsverse. Es herrscht eine feierliche Stimmung, ich stehe da, versuche einen Blick auf die Protagonisten zu erhaschen, und habe keinen Schimmer, was das alles bedeutet. Auch bei den Ausstellungsgegenständen fällt es mir schwer, mich in diesen völlig fremden Kosmos hineinzuversetzen. Eine Figur mit vier Gesichtern, ein mit Blut gefüllter Totenschädel, Ritualdolche – irgendwie spannend aber eine völlig andere Welt. Nach zwei Stunden habe ich Gewissheit, ich habe keine Ahnung von Buddhismus. Meditation und Erleuchtung sind nicht alles, Hesse hat mit Siddharta auch nur an der Oberfläche gekratzt. Gelobt sei das Christentum mit dem letzten Abendmal, dem Kreuz und der Auferstehung, da verstehe ich wenigstens, worum es geht und kann mich auf die ästhetischen Aspekte der Kunstwerke konzentrieren.

Ich kehre zurück an die Oberfläche, bewundere erneut die streng-geometrische Musterung des Glasbaus. Ein kurzer Ausflug in die Tiefen anderer Kulturen, der Hang spült mich zurück in den grauen Zürcher Alltag, ich sprinte zur Haltestelle, will schließlich keine Zeit verlieren an diesem entspannten Sonntag.