Top Dogs – Premiere

Wir Schauspieler sitzen hinter dem Vorhang, es sind noch fünfzehn Minuten. Toi toi toi – die Rituale der Bühnenzunft sind überall gleich, man wünscht sich Glück für den kommenden Auftritt. Vor allem für die Premiere, wenn man das eingeübte Stück zum ersten Mal vor Zuschauern spielt. All das liegt hinter uns, wir stehen oder sitzen hinter dem Vorhang. Wie Gladiatoren, die noch ein letztes Mal ihre Rüstungen und Waffen kontrollieren, bevor sich das Gitter öffnet und wilde Bestien sich auf sie stürzen. Ein bisschen Stoff, der Blicke verbirgt, aber Geräusche durchlässt.

Die Zuschauer kommen in den Saal, Stimmen, keine vertrauten dabei. Fremde Leute, die ich vorher nie sah und nachher nie sehen werde. Ein Irrtum, wie sich später herausstellte, mein Doktorvater war mit der ganzen Familie gekommen, ein Kollege von Arbeit und ein Schweizer Bekannter. Aber ich hatte sie nicht gehört und auch während der Vorstellung nur flüchtig ins Publikum geschaut, fremde Gesichter im Gegenlicht der Scheinwerfer. Und es lenkt auch ab, wenn man ins Publikum schaut und dann ein bekanntes Gesicht erblickt. Der Moment des Erkennens ist privat, die Gefahr groß, aus der Rolle zu fallen.

Die Klingel ertönt zum vierten Mal, unser Regisseur kann sie mit einer Fernsteuerung nach Herzenslust betätigen. Oder war es doch das dritte Mal? Endlich wird das Licht dunkler, Lukas tritt vor den Vorhang und macht die Ansage, ein erster Applaus.

Dann erklingt The four horsemen (Aphrodite’s child) mit eingebauten Textabschnitten zu den apokalyptischen Reitern und Outplacement. Das ist der konzeptionelle Höhepunkt des Stücks, die Verknüpfung von Outplacement mit der Apokalypse. Denn im Wertekanon der Manager ist der Verlust der Arbeit gleichbedeutend mit Katastrophe. Und das ist auch die Essenz des Stücks, wie gehen ehemalige Top-Kader mit dieser Situation um? Sie sind auch nur Menschen, verzweifeln, halten trotzdem an ihren alten Werten fest und müssen letztendlich auch sehr unangenehme Jobs annehmen. Die Rollen sind dabei bewusst als Stereotypen angelegt, auch die Kursleiterin wechselt.

Das Top-Dogs-Ensemble am Paradeplatz

Das Ensemble der Top-Dogs-Produktion am Paradeplatz in Zürich

Das Stück selbst läuft gut, der Text und die Abläufe sitzen. Das Publikum braucht eine Weile um aufzuwärmen und wir auch. Es gibt diesen ewig langen Anfangsdialog, erst danach geht es richtig los. Ich muss aufpassen, dass ich nicht lache an den lustigen Stellen, wenn der ganze Saal grölt. Ein altes Problem von mir, da versagt meine ansonsten gut ausgeprägte Selbstbeherrschung.

Der Höhepunkt für mich ist die Szene “Dumme Kuh”, in welcher meine Frau und ich uns in einem Rollenspiel den Problemen stellen, die durch meine Arbeitslosigkeit entstehen. Wir beleidigen uns massiv und müssen bei jeder Aufführung aufs Neue tödlich beleidigt sein, obwohl wir genau wissen, dass wir uns am Ende der Szene versöhnen.

Szenenfoto "Top Dogs"

Szenenfoto “Top Dogs” (Dumme Kuh), Foto von Stefan Christiani

Applaus, Verbeugungen im Dreierpack, Geschenk für den Regisseur, Applaus, das Bad in der Menge, Gespräche mit Bekannten, alle fanden es toll, wie immer sind sie nett oder sehen die Schwächen der Inszenierung nicht, die aber wohl nur Theater-Veteranen auffallen. Ich werde gelobt, einer meint, ich sei der authentischste Schauspieler gewesen – das Leben ist schön.

Premierenfeier nach langem Umherirren in einer Pizzeria, aber sonst hatte nichts mehr offen und wir wollten zu zwölft auch nicht ins Niederdorf. Der Regisseur hat versucht, sein Buchgeschenk zu erraten, es nicht geschafft und freut sich über Die Schule der Schauspielkunst von Stella Adler. Ein riesiger Teller Spaghetti Carbonara und ein Gläschen Primitivo besiegeln den Abend und geben mir den Rest. Ich bin müde und rede inkoharäntes Zeug. Das Gespräch verteilt sich am Tisch.

Ich laufe allein nach Hause, habe keine Lust auf den Nachtbus zu warten. Die Scheuchzerstraße bei Nacht, ich brauche einen Schal, muss mich echt erholen morgen. Einzelne Fahrräder rauschen an mir vorbei, das Zuhause kommt immer näher. Schlafen, nichts weiter.

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