Morgenspaziergang

Sonntag Morgen, Kirchenglocken läuten, ein paar Wolken ziehen am Himmel, endlich Sonnenschein nach so viel Regen. Eigentlich wollte ich im Engadin sein, aber gestern sah es dort trübe aus, eine frustrierte SMS erreichte mich am frühen Morgen. Schon wieder abgesagt, aufgeschoben die Tour, im September vielleicht. Ist der Sommer schon vorbei? Ich machte Mut, der Sommer kommt bestimmt nochmal zurück.

Ich gehe ohne Frühstück spazieren heute, möchte die Sinne ganz öffnen. Nehme die Seilbahn zum Rigiblick, die Wolken hängen tief über Zürich, aber im Westen strahlt blauer Himmel. Einfach rein in den Wald, rechts vom Theatergebäude, grandiose Lage, dort müsste man mal spielen. Aber loslassen, alle Gedanken beiseite schieben, im Jetzt sein, atmen, hören, sehen, riechen.

Eine verbrannte Bratwurst liegt noch auf dem Grill mitten im Wald, es riecht verbrannt, sie waren wohl unter dem runden Dach, durchsichtige Plastikbecher stehen herum, ein Pappteller liegt gefaltet am Boden. Auf der Heimfahrt betrete ich ein mit getrocknetem Schlamm arg mitgenommenes Tram, Kopfschütteln ringsum, was ist geschehen, ein Open-Air-Konzert im Schlamm, was sollte der Fahrer machen? Verantwortungslos, ausbaden müssen es andere, Zürcher sind nicht ordentlicher als andere, eher schlimmer, da alles rasch beseitigt wird.

Spiegelung


Wasserspiegelung

Ein ausgehöhlter Baumstamm als Wassertrog, es sprudelt unaufhörlich. Die grünen Blätter spiegeln sich im Wasser, das sieht man nur von der dem Weg abgewandten Seite, Gegenlicht ist meist spannender für Fotos. Breitbeinig stehe ich über dem Rinnsal im Halbmatsch, beuge mich runter, um dieses Foto zu machen.

Es ist weitgehend ruhig, zumindest denkt man das. Einmal bleibe ich stehen, so viele Vögel um mich herum, fliegen von Ast zu Ast, jagen sich, picken irgendwas, Kohlmeisen. In einem Holzstapel später sehe ich zwei Rotkehlchen, die sich verstecken, vorsichtig spähen, wegfliegen. Noch bin ich zu jung und ungeduldig, um Ornithologe zu sein, ich gehe weiter. Bis Stettbach, quer über den bewaldeten Hügel.

Blätter


Blätter in der Morgensonne

Baustelle am Bahnhof, nackte Stahlskelette recken sich in den Himmel, Hinweisschilder zu den Gleisen und zum scheinbar verlassenen Kiosk. Die Sieben fährt ein und dreht eine Schlaufe, wo hält sie? Ich gehe quer durch die Baustelle, geführt von Baustellenabgrenzungen und erreiche das Tram.

Pantheismus, Naturerlebnis oder einfach entspannen, langsam und bewusst gehen, die Sinne öffnen. Einen Jogger höre ich schon von Weitem, seine Schritte trommeln auf dem Kiesboden. Nordic walking ist noch lauter, die spitzen Stockenden knallen in den Boden. Eine Joggerin redet mit ihrer Kollegin, ohne Probleme und ohne abzusetzen, ein Mann hechelt hinterher. Ich gehe langsam, halte manchmal an, höre, sehe, rieche.