Grundkurs Stanislawski-Strasberg, 5. Lektion

Aufwärmen, Sinneserinnerung mit neutralem Text

Das körperliche Aufwärmen und das Zazen waren wir immer. Ich war heute körperlich fitter als letztes Mal aber leichter ablenkbar. Bei der Sinneserinnerung (drei Stoffe mit allen Sinnen entdecken) sollten wir den neutralen Text gleichzeitig aufsagen. Das war eine immense Herausforderung, bei mir saß der Text dafür nicht gut genug.

Ich hatte mir den Anfang von Ulysses (James Joyce) gewählt. Okay, es mag kein Buch sein, das mir absolut egal ist, aber wenn ich schon einen Text lerne, dann einen von hoher literarischer Qualität. Beim Lesen war mir dieser Text noch recht unverständlich vorgekommen, die deutsche Premium-Ausgabe ist mit tausenden erklärenden Fußzeilen durchsetzt, die den Textfluss unterbrechen. Aber durch das Lernen konnte ich mich auf einen kurzen Abschnitt konzentrieren und dessen ganze Schönheit entdecken. Es ist so dicht geschrieben, jedes Wort sitzt. Hut ab vor dem Übersetzer (Hans Wollschläger).

Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte:
Introibo ad altare Dei.
Innehaltend spähte er die dunkle Wendeltreppe hinunter und kommandierte grob:
Komm rauf, Kinch! Komm rauf, du feiger Jesuit!
Feierlich schritt er weiter und erstieg das runde Geschützlager. Dort machte er kehrt und segnete würdevoll dreimal den Turm, das umliegende Land und die erwachenden Berge. Dann gewahrte er Stephen Dedalus, verneigte sich vor ihm und schlug rasche Kreuze in die Luft, kehlig glucksend dabei und den Kopf schüttelnd. Stephen Dedalus, mißlaunig und schläfrig, lehnte die Arme auf den Rand der Treppenmündung und betrachtete kalt das sich schüttelnde, glucksende, in seiner Länge pferdehafte Gesicht, das ihn segnete, und das helle untonsurierte Haar, das fleckig getönt war wie matte Eiche.
Quelle: James Joyce, Ulyssus, übersetzt von Hans Wollschläger, Suhrkamp-Verlag, 2004

Jedenfalls versuchte ich diesen Text zu sprechen und mir dabei die Eindrücke von der Sinnes-Übung vorzustellen. Eigentlich geht das nicht, man kann sich nur auf eine Sache konzentrieren. So hatte ich zumindest in meiner Dissertation argumentiert, welche sich mit der Präsenz in virtuellen Umgebungen befasste. Dabei kann es zu Widersprüchen zwischen den Sinneseindrücken kommen. Zum Beispiel sieht man sich visuell um eine Kurve biegen (Rennsimulation), jedoch fehlt die Zentrifugalkraft. Virtuelle und reale Umgebung streiten um die Hoheit, aber der Mensch kann sich nur für eine entscheiden. Auf die Übung bezogen bedeutet das, dass man den Text so gut auswendig kennen muss, dass er völlig automatisch abrufbar ist. Ich musste mich jedenfalls stark konzentrieren und die Intensität der Sinneserinnerung nahm auch ab.

Lernen von Text

Um einen Text wirklich gut zu beherrschen, muss man ihn sehr oft wiederholen. In verschiedensten Alltagssituationen aufsagen, einen Zettel im WC aufhängen, iPod damit füttern, etc. Mir kommt mein tägliches Pendeln da zugute, so habe ich jeden Tag zweimal die Möglichkeit, den Text zu repetieren. Beim ersten Lernen mit Zettel kommt es auch auf die Einsätze an, nur seine eigenen Sätze zu beherrschen reicht nicht (siehe Weblog-Eintrag Lernen von Theatertext(en)).

Zurzeit habe ich reichlich Gelegenheit zum Textlernen. Im Kurs brauchten wir den neutralen Text und einen emotionalen Dialog zwischen Selbstmörder(in) und Kommissar(in). Für das akitiv-Minidrama muss ich mindestens meinen eigenen Text beherrschen, besser wäre der ganze. Und für die Top Dogs-Produktion gilt es auch, einen längeren Monolog auswendig zu beherrschen.

Wiederholungs-Übungen

Basierend auf der Methode von Sandy Meisner trainierten wir das gegenseitige Zuhören. Zwei Leute saßen sich gegenüber, das einzige zugelassene Wort war Butter. Danach gab es etliche Kombinationen, wobei meist gegensätzliche Instruktionen vorgegeben waren (dem anderen schmeicheln, Geld leihen, zum Gebet überreden, aufregen).

Aktives Zuhören ist schon im normalen Leben eine seltene Fähigkeit, auf der Bühne ist es durch die Anspannung noch schwieriger (siehe Weblog-Eintrag Gute Gespräche, schlechte Gespräche, Bühnengespräche). Bei der Fenstersturz-Szene sollte sich das sehr deutlich zeigen.

Fenstersturz-Szene

Wir hatten eine knappe halbe Stunde zur Vorbereitung, ein Großteil der Zeit ging für Textproben drauf. Ich spielte den Kommissar, der eine potenzielle Selbstmörderin von ihrem Vorhaben abbringen will. Für mich war klar, dass ich die Distanz zu ihr verringern wollte. Immer dann, wenn sie nicht schaut, wollte ich mich langsam anpirschen, Millimeter für Millimeter. Und dabei ruhig wirken, mir aber des Ernstes der Situation voll bewusst zu sein. Wir schauten uns den Text auch wegen Bewegungs-Impulsen an. Am Anfang wollte ich nichtsahnend den Raum betreten, dann erst die Frau auf dem Fenstersims sehen und die Selbstmord-Absicht realisieren. Mit meinen ersten Sätzen wollte ich auf sie zugehen, werde jedoch von ihren klaren Stopp-Aussagen geblockt. Beim Ende hatten wir uns nicht wirklich was überlegt, weswegen ich bei ihrem Sturz dann einfach in einem Freeze erstarrte.

Blick auf Siena

Wie kann man auf der Bühne Höhe glaubhaft darstellen?

Als Feedback kamen dann lobende Worte für die Feinheit meiner Rolle, aber negativ war die Anspannung gewesen. Als Polizei-Psychologe würde man geschult auf Deeskalation, Zuhören und das Ausstrahlen von Ruhe sein, anstatt sich verkrampft anzuschleichen. Und das Ende war natürlich nicht optimal, nach dem Sturz geht die Szene weiter, da hätte ich mir noch was überlegen sollen. Aber es schaffte eigentlich keiner der Kommissare in der Gruppe, vollständig zu überzeugen.

Nächste Woche bin ich dann der Selbstmörder, das wird spannend. Ein wichtiger Punkt ist die Höhe, ich stehe auf einem Fenstersims und es geht 20 Meter runter auf die Straße. Als Kletterer habe ich ja nicht so enorme Probleme mit Höhe, aber Respekt schon. Und den gilt es authentisch darzustellen. Aber der viel größere Knackpunkt ist die psychologische Situation.

Hausaufgaben

  1. In Badewanne oder Dusche klebrige Substanz mit allen Sinnen erforschen. Das wird eklig.
  2. Eine ausgewählte Person beobachten, möglichst viele Aspekte zusammentragen. Zusätzlich kann man in der Stadt einer unbekannten Person unauffällig folgen.
  3. Andere Rolle der Fenstersturz-Szene vorbereiten (Selbstmörder).