Grundkurs Stanislawski-Strasberg, 2. Lektion

Aufwärmen

Wir begannen selbständig mit dem Aufwärmen, das hatte uns Marco letztes Mal mit auf den Weg gegeben. Denn das Ziel dieses Kurses ist die Selbständigkeit. Am Set oder auch beim Theater ist es nicht zu erwarten, dass jemand das Signal zum Starten gibt. Bei meinen bisherigen Laiengruppen habe ich das anders erlebt, das gemeinsame Aufwärmen war dort ein wichtiges Ritual. Aber im Profibereich kann man davon eben nicht ausgehen und muss sich notfalls allein in einer ablenkenden Umgebung aufwärmen.

Ich begann also mit den langsamen Bewegungen von Armen und Beinen. Da ich vorher klettern war, spürte ich Unterarme und Schultern besonders deutlich, das Schneeschuh-Wochenende steckte mir auch noch in den Beinen. Der Bedarf an Aufwärmung ist jeden Tag anders, das gilt es mit diesen langsamen Bewegungen herauszufinden. Ich dehnte dann Arme und Beine ausgiebig. Eine Herausforderung dabei ist auch das ständige Reden und Geräuschmachen, um psychologische Verspannungen zu lösen. Wir wurden häufiger leiser dabei und Marco ermahnte uns immer wieder, den Pegel der Konversationslautstärke beizubehalten. Am Ende war ich einigermaßen aufgewärmt und neutral, nur meine rechte Schulter blieb verspannt.

Danach folgte die Zazen-Meditation, als Kontrolle, ob wir wirklich entspannt waren. Und dann die Sinneserinnerung mit dem heißen Getränk. Erst machten wir das alle leise und still, aber das war nicht im Sinne des Leiters. Wir sollten dabei reden, kommentieren, Geräusche machen und so die Sinneseindrücke wieder lebendig werden lassen.

Von der Sinneserinnerung zur emotionalen Erinnerung

Die Sinneserinnerung ist nur der erste Schritt. Der nächste ist die der emotionalen Erinnerung. Bei unserer Reise durch die Sinneserinnerungen treffen wir vielleicht auf eine Sinneserfahrung, die uns auch emotional berührte. Dann gilt es den genauen Auslöser zu ermitteln. Welcher Sinneseindruck war hauptverantwortlich? Wenn man später auf der Bühne eine solche Emotion darstellen soll, kann man sich an die auslösende Sinneserfahrung erinnern und so in den gewünschten emotionalen Zustand gelangen. Als guter Schauspieler verfügt man über eine breite Klaviatur von derartigen Auslösern für eine Vielzahl von Gefühlen. Die emotionale Reaktion kann wie beim Pawlow‘schen Hund trainiert werden.

Einzelimprovisation

In der Pause sollten wir eine kurze, stumme Einzelimprovisation vorbereiten. Als Auftrittsemotion war Trauer angesagt, am Ende sollten wir glücklich von der Bühne gehen.

Die Resultate waren sehr unterschiedlich uns spiegelten die unterschiedliche Erfahrung der Teilnehmer. Alle Anfängerfehler waren dabei. Viele kamen neutral rein, um sich dann beim Verlust des Handys oder beim Lesen eines Briefes in die Trauer reinzusteigern. Aber eigentlich sollten wir beim Auftritt schon in der Emotion drin sein. Deshalb muss man sich vor dem Auftritt vorbereiten und mit einer geeigneten Sinneserinnerung in die Emotion reingehen. Nicht vorhandene Requisiten stellten ebenso ein Problem dar, sie verleiten zu unrealistischen Handlungen (Brieföffnen oder -falten). Im Zweifel lieber mit echten Requisiten spielen, Phantomime vermeiden.

Ich dachte an ein persönliches trauriges Erlebnis, damit gelang mir die Anfangsemotion recht gut. Jedoch fiel mir keine gute Handlung ein, das war der Schwachpunkt meines Auftritts. Ich probierte einen 360°-Sprung aus dem Stand, kriegte ihn anfang nicht hin, später schon, fröhlich verließ ich den Raum. Für einen Tänzer ist das eine zu einfache Aufgabe, es war nicht gut begründet.

Hausaufgaben

  1. Bewusste Rasur als Material für Sinneserinnerung.
  2. Solo-Auftritt vorbereiten, mit Sprache, Handlung und Emotion wichtig, Auftritts- und Schlussemotion frei wählbar, Dauer 2-5′
  3. DVD mit Dokumentation zu Actor Studio schauen, Fragen notieren