Zu Hause

Ein aktuelles Theaterprojekt dreht sich um das Thema “Zu Hause”. Es ist deshalb eine Art Hausaufgabe, sich mal mit diesem Thema zu beschäftigen.

Zu Hause als Ort

In erster Linie ist das Zuhause ein Ort, schließlich ist Haus der Hauptbestandteil des Begriffs. Die Frage ist natürlich, wie Leute vor dem Bau von Häusern ihr Zuhause genannt haben. Aber man kann ja auch in Höhlen und Hütten hausen.

Ich habe in vielen Häusern gewohnt und kann mich noch gut erinnern. In Dresden-Laubegast wohnten wir in einer Zweiraumwohnung unter dem Dach, danach ging es zumindest größenmäßig schrittweise aufwärts. Drei Räume im Erdgeschoss standen uns in Dresden-Kleinzschachwitz zur Verfügung, vier Räume in Dresden-Leuben. Dann folgte die WG-Zeit in meinem schönen gelben Zimmer in Dresden-Löbtau. Nach einem Zwischenstopp in Blacksburg, Virginia kehrte ich wieder ins WG-Zimmer zurück. Dann folgte der Sprung nach Zürich-Witikon, eine Einraumwohnung unter dem Dach war für viereinhalb Jahre mein Zuhause. Kürzlich der Umzug nach Zürich-Oberstraß, ins Herz der Stadt in eine wesentlich größere Wohnung in loser WG. Es sind viele Häuser und Wohnungen, in denen ich gelebt habe. Getrost kann man noch die Schulen, die Universitäten und Arbeitsstellen dazu zählen, in denen ich für lange Zeit ein- und ausging. Da kommen viele Gebäude zusammen, wobei gerade die Vielzahl die genaue Festlegung eines Zuhauses erschwert. Überall und nirgends bin ich zu Hause, alles ist flüchtig. Ich kann mich nur an den Moment klammern, an den aktuellen Zustand, meine aktuelle Bleibe.

Elbbogen von der Frauenkirche aus

Dresden war lange Zeit mein Zuhause.

Bezogen auf Städte war Dresden für sehr lange Zeit mein Zuhause, Blacksburg nur kurz und Zürich jetzt schon seit fast fünf Jahren. Mich bringt die Frage “Woher kommst du?” immer ein wenig in Verlegenheit, instinktiv antworte ich mit Dresden, daher komme ich, dort sind meine Wurzeln.

Zu Hause als Menschen

Aber letztlich sind es in erster Linie die Menschen, die ein Zuhause ausmachen. Wenn ich weggezogene Freunde oder Verwandte treffe, fühle ich mich zuhause, unabhängig vom Ort. Ein Ort ist nur beim ersten Mal neu, schon beim zweiten Mal Hinfahren auf der gleichen Route blendet der Verstand das schon Gesehene aus. Was bleibt, ist die Begegnung mit dem Menschen.

Und man fühlt sich in einer neuen Stadt erst dann zuhause, wenn man ein Umfeld von Freunden hat, wenn man eingeladen wird und sich angenommen fühlt. Dann ist man wirklich angekommen.

Zu Hause als Sprache

Die Sprache ist ein weiterer Aspekt. Auf meinen häufigen Fahrten von Zürich nach Dresden und zurück gibt es immer dieses erste Mal, wenn ich Sächsisch oder rückzu Schweizerdeutsch höre. Das weckt in mir Heimatgefühle, in beide Richtungen.

Zürich bei Nacht

Bahnhofstrasse in Zürich, meiner Wahlheimat.

Die Aufregung in der Schweiz über die von einigen so empfundene Überfremdung durch deutsche Zuwanderer ist vor allem sprachlich bedingt. Wenn mehr und mehr Hochdeutsch erklingt, ob nun im Tram, im Wirtshaus, beim dienstlichen Telefonat oder an den Universitäten, dann fühlen sich die Schweizer nicht mehr zu Hause.

Zu Hause als Gefühl

Das Gefühl der Geborgenheit im Mutterleib ist wohl der Ursprung von “zu Hause”. Es ist warm und dunkel, das Blut rauscht, Stimmen von außen klingen gedämpft und verzerrt, das Herz der Mutter schlägt, man muss nichts machen, kein Leistungszwang, keine Geschäftigkeit, einfach nur wachsen. Zu Hause fühlt man sich somit dann, wenn man geborgen, behütet und anerkannt ist.

Es ist ein Gefühl, das sich durch verschiedene Umstände einstellt, ein vertrauter Ort, eine vertraute Umgebung, vertraute Menschen, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Als Theatermensch ist man auf der Bühne “zu Hause”, als Autofahrer in seinem Wagen, als Alpinist in den Bergen. Es ist immer etwas Vertrautes dabei und auch Vertrauen.

Bezug zum Stück

Im Theaterstück ist der Protagonist auf der Suche nach seinem Zuhause, weiß aber nicht, wo das ist. Er begegnet verschiedenen Personen, die ihn zum Taxistand, zur Post, zum Hotel schicken. Aber so richtig ist das alles nicht, was er sucht. Er weiß am Ende nicht mehr als vorher.

Im Stück wird die Suche nach dem Zuhause von allen Charakteren als die Suche nach einem bestimmten Ort interpretiert. Aber ein bestimmter Ort kann die Sehnsucht des Hauptdarstellers nicht befriedigen, er sucht sein Zuhause auf einer anderen Ebene.