Die vier Qualitäten eines Kunstwerks

Es gibt diese Momente, in denen ich beim Anblick eines Gemäldes, beim Lesen eines Buches oder beim Erleben einer Tanzvorführung die Genialität des Künstlers spüre. Es ist schwer zu sagen, was es genau ist, etwas resoniert in mir, trifft einen Nerv. Der russische Schauspieler und Regisseur Michael Tschechow brachte diese Qualitäten in seinem Buch “Die Kunst des Schauspielers” auf den Punkt, für ihn sind es Leichtigkeit, Form, Ganzheitlichkeit und Schönheit. Ich möchte diese Aufzählung gern kommentieren, auch in Bezug auf meine eigenen Theatererfahrungen.

Leichtigkeit

Leicht erkennt man den Kletterprofi in der Halle, scheinbar entspannt hängt er da am Überhang und überlegt, wie es weiter geht. Dann ein paar wohldosierte Bewegungen und die schwierige Stelle ist überwunden, die nächste Ruheposition erreicht. Für mich hat Klettern — wie jede Bewegung — etwas mit Kunst zu tun. Und gerade Klettern ist ein Symbol für das menschliche Streben nach Höherem, in diesem Fall nach dem Umlenkkarabiner unter dem Dach der Kletterhalle. Leichtigkeit braucht man an der Wand, sonst hängt man an den Griffen wie ein schwerer Sack und kommt nicht weit. Eleganz erscheint mir wie ein anderes Wort für das gleiche Phänomen, auch Effizienz kommt mir in den Sinn. Auf jeden Fall spannt man genau die Muskeln an, die für die Aufgabe gebraucht werden und nutzt die physikalischen Gegebenheiten (Dynamik) bestmöglich aus. Wobei Leichtigkeit nicht Kraftlosigkeit bedeutet, es wirkt nur nach außen leicht. Wenn man diesen Bereich verlässt und einen zu schweren Weg klettert, verkrampft man, klammert sich fest, bewegt sich eckig und mit wesentlich mehr Aufwand als notwendig.

Klettern

Beim Theater ist diese Leichtigkeit genau so wichtig. Statt der beständig nach unten ziehenden Schwerkraft beim Klettern ist es die besondere Anspannung durch die Bühnensituation, die dem leichten Spiel entgegen wirkt. Man verkrampft, weniger mit den Armen und Beinen als vielmehr in seinen Bewegungen und vor allem in der Mimik. In diesem Zustand ist man auch nicht mehr so wirklich empfänglich für die Mitspielenden und kann sich das Seelenleben der verkörperten Figur nur noch schlecht vorstellen.

Jonglieren

Um diesen Effekt zu zeigen, gibt es eine sehr eindrucksvolle Übung, die auf Konstantin Stanislawski zurück geht. Man soll einen schweren Gegenstand anheben oder ziehen und sich dabei an das letzte Mittagessen erinnern oder sich das Innere einer Kirche vorstellen. Es geht schlichweg nicht, in diesem Zustand der Verkrampfung kriegt man das nicht hin. Man braucht auf der Bühne wie an der Kletterwand eine entspannte Angespanntheit.

Form

Wenn ich rudere, versuche ich mir immer die Bewegung des Ruderblattes vorzustellen. Die Physik gibt eine ideale Form vor. Das Ruderblatt soll im Wasser einen möglichst weiten Weg zurück legen, andererseits möchte ich beim Zurückrollen langsam und ruhig sein, um die Gleitphase auszunützen. In diesem Fall ist die Form durch Bewegungseffizienz bestimmt.

Performance

Beim Theater herrscht da größere Freiheit, der Körper des Schauspielers ist eine veränderliche Form. Umso schwieriger ist es deshalb, gute von schlechten (Bewegungs-)Formen zu unterscheiden. Idealerweise sollten Schauspieler einen geschmeidigen, schönen Gang haben und ihre Bewegungen sollten schön anzuschauen sein. Im Grunde muss man parallel zum Theater noch Yoga, Ballett oder sowas machen, um geschmeidig und fit zu bleiben.

Ich habe wohl eine sehr kontrollierte Art mich zu bewegen, das kommt vom Wandern im unwegsamen Gelände, vom Volleyball und von meiner Anatomie. Deshalb fällt es mir schwer, auf der Bühne locker zu gehen. Es wird wahrscheinlich Zeit meines Lebens eine Herausforderung für mich bleiben.

Gesamtheit

Beim Fotografieren brauche ich einen Sinn für das ganze Bild. Es ist für mich wie ein Puzzle mit einer Anzahl dreidimensionaler Objekte, welche auf dem Foto in einen zweidimensionalen Zusammenhang gebracht werden. Was ist eine gute Komposition? Ich denke, dass die Fotos am besten sind, die eine kleine Geschichte erzählen, welche durch die Komposition angedeutet wird.

Ein Theaterstück ist nun weniger durch räumliche als vielmehr durch zeitliche Ausdehnung definiert. Charaktere werden eingeführt, erleben Dinge und verlassen verändert die Bühne. Als Schauspieler entsteht die Rolle als Ganzes nur dann, wenn man den Bogen zwischen Beginn und Schluss schlagen kann. Damit gewinnt das Kunstwerk der eigenen Rolle. Im Zusammenhang des ganzen Stückes entsteht natürlich eine andere Ebene der Gesamtheit.

Schönheit

Wahre Schönheit kommt von innen, eine rein äußerliche Schönheit verkommt zur Attraktivität. Gerade in Zürich laufen sehr viele äußerlich schöne Menschen herum, die viel Zeit und Geld in Kleidung und Make-Up investieren. Aber ihre Bewegungen sind ungelenk und ihre Sprache ebenso. Sie sind nicht wirklich schön, sondern eben nur nett anzuschauen.

Als Schauspieler ist es wichtig, einen Sinn für innere Schönheit zu entwickeln. Durch die Bühnensituation kommt jeder Bewegung und jedem Satz eine besondere Bedeutung zu, man ist zu schönen Bewegungen und zu schöner Sprache verpflichtet. Auch bei der Darstellung von abstoßenden Charakteren ist das der Fall, wenn das Motiv zwar mit Schönheit wenig gemein hat, die Darstellung hingegen schon.