Freude am Schauspiel – ein Credo

Für die im Juli startende Produktion des Gessnerallee Backstageprogramms sollen alle Interessierten ein Motivationsschreiben einreichen. Nur dann winkt ein Platz in der Kerngruppe, dem Ensemble.

Die Teilnahmekonditionen sind recht hart formuliert, neben dem Spielen ist das Übernehmen eines Ressorts Pflicht, so dass die anfallenden Aufgaben bei Finanzen, Bühnenbau, Technik, Organisation und Öffentlichkeitsarbeit auf viele Schultern verteilt werden. Im Grunde haben wir das beim akitiv auch immer so gehandhabt, jedoch die Leute zu Beginn keine derartige Vereinbarung unterschreiben lassen. Es geht nicht anders, wenn man keine professionelle Infrastruktur im Rücken hat, und außerdem sollen alle Leute abgeschreckt werden, die nur mal eben die großen Stars sein wollen. Dann lieber eine kleine Produktion mit wenigen Leuten, die auch mit anpacken.

Aber zurück zu meinem Motivationsschreiben, zu den Dingen, die mich am Theater reizen. Eigentlich ist es ganz einfach — man stellt sich vor andere Leute und tut etwas. Aber dieser Druck der vielen beobachtenden Augen schafft eine paradoxe Situation. Man verlernt unter diesen Umständen sein normales Verhalten und wird angespannt und künstlich. Genau so, als wenn man sich auf seinen eigenen Atem konzentriert und dennoch ganz natürlich ein- und ausatmen möchte. Es funktioniert nicht mehr, man muss alles neu lernen.

Als Freund der Literatur bin ich anspruchsvollen Stoffen und Texten ohnehin zugeneigt und habe schon viele Dramen als Buch verschlungen. Die Namen der Autoren und ihre Werke sind jener unerschöpfliche Kosmos, in dem ich mich gern aufhalte, um Neues zu entdecken und Verbindungen zu Bestehendem herzustellen. Es reizen mich die großen Namen wie William Shakespeare, Friedrich Schiller, Friedrich Dürrenmatt oder Tennessee Williams. Es reizen mich die großen Themen wie Entfremdung, Eifersucht, Zuneigung und Macht. Es reizt mich die Auseinandersetzung mit vergangenen Zeiten und menschlichen Schicksalen. Es ist letztlich diese Freude an Literatur und die vielen Verbindungen zur Bühne, die mich in die Fänge des Theaters trieb.

Am Beginn meines Studiums (2000) begann ich mit Lesungen von Büchern im Freundeskreis. Mir war der Der Kontrabass von Patrick Süskind in die Finger geraten, ein Buch, welches nach seiner direkten Bühnenumsetzung geradezu schreit. Ich beschäftigte mich im Vorfeld auch ein bisschen mit Stimmübungen, um mich optimal auf diese erste Lesung vorzubereiten. Die große Herausforderung beim Lesen eines Buches ist das direkte Ansprechen der Zuhörer durch möglichst intensiven Blickkontakt, man muss den Text sehr schnell aufnehmen, zwischenspeichern, um sich dann wieder ganz dem Publikum widmen zu können. Ich las sehr betont, um den Text möglichst spannend wiederzugeben, ihn mit Leben zu füllen, ihn zu interpretieren. Zusätzlich versuchte ich auch stets, spielerische Elemente einzubauen, um ein wenig Abwechslung hineinzubringen. Weitere Lesungen folgten, Das Gespenst von Canterville (Oscar Wilde), Der Sandmann (Ernst Theodor Amadeus Hofmann), Mein Name sei Gantenbein (Max Frisch), Die Schachnovelle (Stefan Zweig), Publikumsbeschimpfung (Peter Handke), Seide (Alessandro Baricco) und Novecento (Alessandro Baricco), manche Lesungen hielt ich auch mehrmals.

Angekommen in Zürich fand sich für meine Lesungen keine wirklich große Leserschaft, ich schloss mich 2006 der Laiengruppe akitiv an, die für ihre damalige Produktion noch einen Schauspieler suchte. So konnte ich meiner alten Leidenschaft auf neue Weise frönen. Im Laufe von vier Produktionen lernte ich die Freuden und Tücken des Theaters kennen. Wir spielten Man kann nie wissen (George Bernard Shaw), Die Lästerschule (George Brimsley Sheridan), Da waren’s nur noch neun (Agatha Christie) und Arkadien (Tom Stoppard). Meine vorherige Beschäftigung mit Lesungen stellte sich dabei als hinderlich heraus, denn übertriebenes Betonen und Spielen ist für die Bühne eher ungünstig. Dies wurde mir besonders bei unserer diesjährigen Produktion bewusst, nachdem ich im Vorfeld Bücher von Stanislawski und Stella Adler gelesen hatte. Diese beiden Werke haben mir vor Augen geführt, worauf es wirklich ankommt beim Theater, auf natürliches Spiel und die authentische Verkörperung der Rolle. Es sind die stillen Momente, die mich im Theater am meisten bewegen und die ich als Schauspieler auch gern meistern möchte. Die lauten, poltrigen Momente sind genauso notwendig, denn erst der gekonnte Wechsel zwischen beiden Extremen vermag jene Spannung auf der Bühne zu schaffen, die eine gelungene Inszenierung auszeichnet.

Ich mag Theater. Es ist eine enorm vielseitige Passion, neben Literatur kommt die Psychologie beim Rollenverständnis zum Einsatz, die Geschichte klopft an, wenn der gewählte Stoff in vergangenen Zeiten spielt, das Vorstellungsvermögen und die Phantasie sind ständig gefragt, doch zugleich ist Theaterspielen aber auch Handwerk — körperlich, denn am Ende steht man da auf der Bühne in seinem Körper und wird angeschaut. Man muss ganz entspannt sein, ganz natürlich.