Erwin Wagenhofer – Let’s Make Money

Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer wagte sich in seinem neuesten Film Let’s Make Money an ein Thema, das durch die Finanzkrise eine ungeheure Aktualität hat: Wie arbeitet Geld und wohin fließt es? Nachdem er sich in We Feed the World (2007) mit den Absurditäten der Nahrungsmittelerzeugung und -verteilung beschäftigte, hat er nun mit dem globalen Finanzsystem ein weitaus komplexeres Thema angepackt. Im Gegensatz zum zurzeit vielleicht bekanntesten Dokumentarfilmer Michael Moore hält er sich komplett aus seinem Filmen heraus und somit an die klassische Lehre des Dokumentarfilmens. Damit erreicht er zwar kein Millionenpublikum wie Moores Filme, aber eine höhere Glaubwürdigkeit.

Ich finde diesen Film absolut sehenswert und kann ihm jeden ans Herz legen. In Zürich läuft er derzeit im Arthouse Alba. Auf der gut gemachten Filmseite könnt ihr auch einen Trailer anschauen, der die wichtigsten Themen anreißt.

Verantwortung

Für mich ist eine zentrale Frage des Films die nach der Verantwortung für die bekannten unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörungen in Ländern wie Indien und China. So richtig mag die Verantwortung keiner übernehmen. Die Fertigungs-Manager vor Ort sind durch Wettbewerber und ihre Investoren gezwungen, die niedrigen Löhne zu zahlen und die schludrige Umweltgesetzgebung auszunutzen. Die Investoren, im Film wird ein Fondsmanager für Emerging Markets interviewt, lehnen die Verantwortung ebenso ab. Sie bekämen schließlich Kapital, um es gewinnbringend einzusetzen. Der nächste Schritt sind die Eigner des Fonds, also zum Beispiel Rentenversicherungen oder auch Privatpersonen. Und die legen ja nur Geld an und lassen es arbeiten, womit die Verantwortung am Ende nirgendwo hängen bleibt.

Mich erinnert diese Frage an einen Vortrag, den ich während meines Auslandsstudiums an der Virginia Tech in den USA hörte. Der Vortragende unterschied den Bereich, in welchem unser Handeln wirkt und den Bereich, für den wir uns verantwortlich fühlen. Historisch gesehen hatte persönliches Handeln nur lokale Auswirkungen und man fühlte sich auch nur für das Wohlergehen der unmittelbaren Umgebung verantwortlich. Somit waren beide Bereiche ausgeglichen. Das Leben in unserer modernen Gesellschaft hat jedoch globale Auswirkungen, das Benzin kommt aus Russland, das T-Shirt aus Indien, die Stereoanlage aus China, der Strom wird mit nigerianischem Uran hergestellt, mein Rentenfonds investiert in Schwellenländer. Die Schlussfolgerung daraus wäre nun, dass damit auch unser Verantwortungsbewusstsein global sein müsste, um mit den Auswirkungen unseres Handelns Schritt zu halten. Prinzipiell gibt es nun zwei Möglichkeiten, wie man beide Bereiche in Einklang bringen kann. Zum einen sollte man den Bereich verkleinern, in dem sein Handeln wirkt. Die Extremform davon wäre ein Bauer, der sich komplett selbst versorgt. Etwas milder ausgedrückt kann man versuchen, nur regionale Waren einzukaufen und seine Autofahrten und Flugreisen einzuschränken. Zusätzlich kann man auch sein Verantwortungsbewusstsein ausdehnen und international tätige Organisationen unterstützen. Ich fand dieses Modell sehr intuitiv und nützlich, meinen eigenen Kompromiss zu finden.

Irak-Krieg

Eine sehr aufschlussreiche Erklärung der beiden amerikanischen Kriege im Irak liefert John Perkins, der sich als Economic Hit Man bezeichnet (Wirtschaftskiller). Seine Aufgabe war die Einflussnahme auf Entwicklungsländer, um amerikanische Interessen durchzusetzen.

Die dabei angewandte Methodik bezeichnet er im Film selbst als mafiös. Dem betreffenden Land wird mit Hilfe der amerikanisch dominierten Weltbank ein großzügiger Kredit gewährt. Die Mittel werden für Industrie- oder Infrastrukturprojekte eingesetzt, bei denen bevorzugt amerikanische Firmen zum Zug kommen. Das Geld verlässt also die USA gar nicht, sondern bleibt im Land. Von diesen “Entwicklungsprojekten” profitiert nur eine kleine Minderheit im aufstrebenden Land, die Zinsen für den Kredit dürfen dann aber alle begleichen. Meist gerät das Land dann auch in Zahlungsnot und muss sich anderweitig erkenntlich zeigen, bei UN-Abstimmungen oder dem Bau von Militärstützpunkten. Falls das Land jedoch nicht die großzügige Entwicklungshilfe in Form von Krediten annimmt, folgt die zweite Eskalationsstufe. Durch eingeschleuste Agenten wird versucht, den Machthaber abzulösen oder gar umzubringen. Wenn selbst das nicht den gewünschten Erfolg bringt, marschiert das Militär ein.

Im Falle des Irak sah sich Amerika noch in einem weiteren Punkt bedroht – die globale Vormachtstellung des Dollar basiert auf dessen Bindung ans Erdöl. Genauer gesagt wird sämtliches Erdöl nur gegen Dollar verkauft. Laut John Perkins hatte sich Saddam Hussein zum einen sperrig bei der Entwicklungshilfe gezeigt (erster Irakkrieg) und zudem kurz vor dem zweiten Irakkrieg damit gedroht, Erdöl auch in anderen Währungen zu verkaufen.

Ich möchte anmerken, dass ich den Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen nicht überprüfen kann. Es ist die Darstellung eines Einzelnen, welche auch durch Eigeninteressen wie höhere Buchsverkaufszahlen geprägt sein kann. Dennoch wirft diese Darstellung ein interessantes Licht und erklärt sehr gut den plötzlichen Drang Amerikas zur militärischen Intervention sowie die wenig überzeugende und hastig vorgebrachte Begründung (Massenvernichtungswaffen bedrohen den Weltfrieden).

Spanische Immobilienblase

Das dritte Thema, welches ich an dieser Stelle herausgreifen möchte, ist die spanische Immobilienblase. Durch den steigenden Wert von Immobilien, speziell in Meeresnähe, kauften zahlreiche Investoren Ferienwohnungen. Dadurch stiegen diese im Wert und die Blase blähte sich auf. Das Resultat sind hunderttausende leer stehende Ferienwohnungen und -häuser an der somit weitgehend zubetonierten spanischen Meeresküste. Die spanischen Baufirmen konnten von diesem Boom jahrelang profitieren, jetzt stehen viele vor dem Aus. Ganz zu schweigen von den vielen Privatanlegern, die sich verschuldeten, um sich eine sicher im Wert steigende Immobilie zu kaufen.

Kapitalflucht und Steueroasen

Als Wahlschweizer lebe ich in einem Land, dessen Bankgeheimnis weltbekannt ist. Konkret bedeutet dies, dass die Banken Kundendaten nur bei Verdacht auf eine schwerwiegenden Straftat herausgeben. Jedoch zählt die Steuerhinterziehung (Nichtangabe von Vermögenswerten und damit Zinserträgen) nicht dazu, so dass die Schweiz in diesem Fall keine Rechtshilfe leistet.

Ähnliche Bestimmungen haben noch viele weitere europäische Staaten, der Film stattet der Kanalinsel Jersey einen Besuch ab. Somit ist es relativ leicht, große Vermögen “arbeiten zu lassen” und die Einkünfte steuerfrei zu beziehen. Im Film wird geschätzt, dass bei normaler Versteuerung weltweit jährlich 240 Milliarden USD Steuern aus Kapitaleinkünften mehr zur Verfügung stehen könnten. Betroffen sind aber nicht nur die Industrienationen, sondern auch viele Entwicklungsländer, deren Eliten ihre Vermögen ebenfalls ohne lästige Besteuerung anlegen.

Ich kann aus dieser Perspektive das Beharren auf dem Schweizer Bankgeheimnis nicht gutheißen.

Fazit

Der Film hat mir vor Augen geführt, zu welchen Exzessen unser Wirtschaftssystem fähig ist. Der Wohlstand des Westens basiert auf Ausbeutung und Umweltzerstörung. Gewinne werden privatisiert, Verluste vergesellschaftlicht. Ich kann dies alles zwar nicht ändern, aber durch viele meiner Entscheidungen beeinflussen.

Was kann man tun?

  1. Investiere dein Geld in nachhaltige Anlageformen (siehe Geldanlagen bei der Erklärung von Bern).
  2. Engagiere dich in einer international tätigen Nicht-Regierungs-Organisation.
  3. Spende für eine international tätige Nicht-Regierungs-Organisation.
  4. Kaufe regionale und saisonale Lebensmittel.
  5. Mache Urlaub in der Nähe.
  6. Fahre mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln.