Gute Gespräche, schlechte Gespräche, Bühnengespräche

Gerade in den Weihnachtstagen mit Ferien und Familientreffen ergeben sich eine Vielzahl von persönlichen, längeren Gesprächen. Durch die Vielzahl der Begegnungen ergeben sich nun sowohl gute als auch weniger gute Gespräche. Aus meiner Sicht sind gute Gespräche nur dann möglich, wenn beide Gesprächspartner genügend Raum haben und sich und ihre Befindlichkeit akzeptiert wissen. Und dies ist nur durch wechselseitiges, aktives Zuhören möglich. Diese Art des Zuhörens bedeutet, dass du dich voll und ganz darauf einlässt, was der Gesprächspartner gerade sagt. Schon die Körpersprache drückt dies aus, durch Zuwenden und Blickkontakt. Du stellst dein Ego zurück und konzentrierst dich darauf, das Gesagte aufzunehmen und nachzuvollziehen. Bei Unklarheiten fragst du kurz nach, ansonsten gehst du durch kurze bestätigende Äußerungen mit. In Gedanken bist du beim geschilderten Geschehen. Diese Art des Zuhörens erfordert Konzentration und eine freundliche, empathische Einstellung.

Frau Doktor, Willi

Frau Doktor, Willi

Im Gegensatz dazu stehen Gespräche, in denen du dem Anderen nicht zuhört, sondern lediglich deine eigenen Erlebnisse darstellen möchtest. Die Worte des Gesprächspartners sind dann auch weniger der Gegenstand von Konzentration und Nachvollziehen, sondern vielmehr potenzielle Stichwörter für deine nächste eigene Äußerung. Du bist also stets in Lauerstellung, um die nächste verbale Attacke zu starten. Ein solches Gespräch führt entweder zu einem Monolog, in dem nur einer der Beteiligten den Raum füllt und der Andere in die Rolle des Zuhörers und Bewunderers gedrängt wird oder zu einem Schlagabtausch ohne echte Verständigung.

Am Ende sei noch gesagt, dass gutes Zuhören allein kein gutes Gespräch bedingt. Auch das gute Darstellen ist wichtig und der Mut, über wirklich wichtige Themen zu sprechen. Aber aus meiner Sicht mangelt es bei sehr vielen Leuten vor allem an der Fähigkeit des Zuhörens.

Emily, Laurant

Emily, Laurant

Gespräche und Interagieren auf der Bühne

Für die gute Darstellung von Gesprächen auf der Bühne sind diese Grundprinzipien ebenfalls spannend. Für eine authentische Darstellung musst du dir verinnerlichen, dass du diese Worte zum ersten Mal hörst und überhaupt erst einmal begreifen musst. Bei einem Theaterstück mit festem Text ist das ein Problem, da du den Text sehr genau kennst und im fortgeschrittenen Stadium der Produktion schon tausend Mal gehört hast. Aber gerade dann hilft es, dir den Prozess des aktiven Zuhörens bewusst zu machen. Du hörst die Worte, versuchst sie zu verstehen. Irgendwann kommt der Moment, wo du das Gesagte erfasst, das Bild siehst und vielleicht auch die Konsequenzen erahnst (denke dabei an theatralische Themen wie Verrat, Eifersucht und Intrigen). Dann reagierst du, nicht durch Gefühlsschablonen wie hochgezogene Augenbrauen und “Oh nein!”, sondern auf deine eigene authentische Art.

Thomas, Laurant, Frau Doktor

Thomas, Laurant, Frau Doktor

Beim Improtheater bestehen ganz ähnliche Probleme. Die Szene entsteht zwar nur einmal, aber durch den besonderen Charakter der Bühnensituation und den damit verbundenen Druck bist du als Darsteller oft nicht in der Lage, aktiv zuzuhören. Wobei ich an dieser Stelle nicht nur zuhören, sondern die ganze Interaktion meine. Auf jeden Fall führt mangelndes Zuhören zum Blockieren, du lässt eine Idee deines Bühnenpartners ins Leere laufen und ziehst lieber deine eigene Idee durch. Ein solches Spiel ist nicht sehr schön zum Zuschauen, da keine echte Interaktion entsteht. Stattdessen gibt es immer wieder neue Ideen und Richtungen, aber keine davon wird richtig durchgezogen. Deshalb braucht man als guter Improtheaterspieler eine ausgewogene Mischung aus der Fähigkeit zuzuhören und Kreativität und Mut bei eigenen Ideen. Obwohl, als guter Mensch braucht man das auch.