Wolf Singer, Matthieu Ricard – Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.

Da ich die Aufgabe habe, den Hirnforscher Wolf Singer bei der Cortona-Woche im September 2008 einzuführen, wollte ich mich ein wenig vorbereiten. Durch Zufall stieß ich auf das Büchlein, welches einen Dialog zwischen östlicher und westlicher Tradition über Meditation zum Inhalt hat. Es ist nicht das Thema von Wolf Singers Vortrag in Cortona, dieser beschäftigt sich mit der verteilten Verarbeitung und zeitlichen Kodierung in neuronalen Netzwerken. Jedoch ist der Bezug zur Meditation gar nicht so entfernt, in Studien mit regelmäßig Meditierenden unterschiedlicher Erfahrung konnte man Unterschiede in der Aktivität einzelner Hirnregionen und auch ausgeprägte zeitliche Muster nachweisen.

Ich denke, dass sich die Geister vor allem an der Sprache scheiden werden. Beide sind Wissenschaftler, auch wenn sich Matthieu Ricard einige Jahre nach seinem Doktorat ins Kloster zurückgezogen hat, um sich der inneren Einkehr zu widmen. Und wenn auch am Anfang des Dialogs noch eher einfache Themen wie die Erklärung der meditativen Praxis stehen, wird der Diskurs im Verlauf immer komplexer und neurowissenschaftlicher. Je mehr sich Wolf Singer mit seinen sehr interessanten Kenntnissen zur Struktur des Gehirns und der Koharänz neuronaler Aktivität einschaltet, wobei Matthieu Ricard ihm da gut folgen kann und seine introspektiv gewonnen Erkenntnisse entgegenhält, desto stärker werden sich all jene abgehängt fühlen, die mit den neurowissenschaftlichen Begriffen wenig anfangen können. Die wissenschaftliche Darstellung komplexer Sachverhalte und die Bezugnahme und Bewertung von wissenschaftlichen Studien ziehen sich durch das gesamte Buch. Die Unterweisung in meditativer Praxis erfolgt vor allem durch Bilder, davon gibt es zwar auch einige, aber die formale Sprache ist einfach mächtiger und dominanter.

Aber für den teilweise Eingeweihten, und dazu zähle auch ich mich, birgt dieses Büchlein einige schöne Anknüpfungspunkte. Zum Ersten hatte ich mich während meines USA-Aufenhaltes in Blacksburg/Virginia mit Meditation beschäftigt, gerade der Anfang des Buches weckte also angenehme Erinnerungen an den Day of Mindfulness, welcher durch einen amerikanischen Mönch im traditionellen gelben Gewand geleitet wurde. Nach diesem Start auf vertrautem Terrain war ich dann auch für die weiteren, eher neurowissenschaftlichen Exkurse gewappnet, zum Einen durch das Mitwirken unserer Arbeitsgruppe im NCCR Neuro{.broken_link}, zum Anderen durch das Manifest elf führender Hirnforscher, darunter Wolf Singer, welches ich in der Lehrveranstaltung Schreiben für Andere rezensierte und zuletzt durch aktuelle Diskussionen mit Doktorandenkollegen zu den Themen motorisches Lernen und Biosignalanalyse.