Stufen

Laufen. Eigentlich kann ich das. Dachte ich zumindest. Aber auf der Bühne ist alles anders. Wenn ich nämlich noch einen Text sagen muss, in einer bestimmten Emotion, dabei ins Publikum schauend, reagierend auf den Satz, der zuvor von meinem Mitspieler gesagt wurde – dann kann ich nicht mehr laufen. Zumindest nicht mehr anders laufen als ich halt laufe, wenn ich Text sagen muss, in einer bestimmten Emotion. Und dieser Gang sieht komisch aus, tänzerisch, künstlich. Man hat ihn satt nach einer Weile, zumindest unser Regisseur hat ihn satt. Und er wirft Plastik-Wasserflaschen nach mir. Also nicht direkt auf mich, eher in die Nähe. Ich muss anders laufen. Meine Arme anders halten. Und meinen Text sagen, in einer bestimmten Emotion, dabei ins Publikum schauend.

Schreiben. Eigentlich kann ich das. Dachte ich zumindest. Aber die Editoren, denen ich meine wissenschaftliche Publikation anvertraute, sind da anderer Meinung. Sie finden auch nach meiner vierten, gründlichen überarbeitung, Restrukturierung und grafischen Aufwertung noch immer so viele Kritikpunkte, dass ein langer Brief draus wird. Und dabei schreiben sie auch noch so nett, danken mir für meine Mühen, aber wollen noch enorm viele Punkte unbedingt berücksichtigt sehen. Und wenn ich einen Vorschlag nicht annehme, muss ich es gut begründen. Und ich schreibe, ändere, restrukturiere erneut, zum fünften Mal. Und das Manuskript wird auch besser, ich sehe jetzt immer noch Ungereimtheiten, speziell bei den Absätzen, welche ich neu eingefügt habe. Sie klären einen Kritikpunkt, aber bringen das feine Gefüge durcheinander, machen Risse an anderen Stellen sichtbar. Es ist ein langer Prozess, dieses Schreiben.