Sind Familie und Wissenschaft vereinbar?

Fuer die neu entstehende Familien-Homepage der AVETH habe ich mich mit dem Thema der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie beschaeftigt. Hier ein Entwurf, ueber Anmerkungen wuerde ich mich sehr freuen.

Die Kinderlosigkeit von Akademikern ist ein weit verbreitetes Phänomen, und Wissenschaftler sind laut einer Studie der Universität Dortmund besonders betroffen. So sind von den untersuchten Jungwissenschaftlern (Doktorandinnen, wissenschaftliche Mitarbeiter und Juniorprofessoren des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen) 73,1% ohne Nachwuchs. Und das, obwohl der Wunsch nach Kindern durchaus besteht.

Woran liegt diese Diskrepanz zwischen Kinderwollen und -haben? Das Hauptproblem bei der Wahl einer wissenschaftlichen Karriere ist die grosse Anforderung an die persönliche Mobilität. Zudem sind in der Schweiz und in Deutschland die Verträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern meist befristet, nach der festgesetzten Zeit hat man sein Etappenziel erreicht, oder bleibt auf der Strecke. Häufiger Standortwechsel ist ohnehin Pflicht, wenn man später als aussichtsreicher Kandidat vor eine Berufungskommission treten möchte. Diese häufigen Ortswechsel, verbunden mit Phasen der Ungewissheit, wohin es beruflich als nächstes gehen mag, stehen dem Gründen einer eigenen Familie im Wege. Auch die Konferenzen, Pflichttermine eines jeden Nachwuchswissenschaftlers, zollen ihren Tribut.

Ein weiterer Punkt ist das Fehlen informeller Netzwerke. Oft wohnen die eigenen Eltern sehr weit entfernt. Und damit entfällt eine wichtige Stütze bei der Kinderbetreuung. Und wenn dann auch noch in der Hochschule sehr wenige Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, erschwert dies zusätzlich das Vorhaben, eine Familie zu gründen.

Dennoch, in bestimmter Hinsicht kann die Universität auch familienfreundlich sein. So lassen sich Arbeitspensen bei einem wohlwollenden Chef recht frei anpassen, auch die genauen Arbeitszeiten kann der Familienbedachte selbst festlegen. Viele alltägliche Aufgaben wie das Lesen von Artikeln und die Auswertung von Datenbergen können auch zu Hause erledigt werden, wo die Vereinbarkeit von Familie und Beruf etwas leichter fällt als im Labor.

Nach dieser eher strukturellen Analyse des Problems möchte ich den Sachverhalt noch von einer anderen, ungewohnten Perspektive aufrollen. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft, beziehungsweise von Beruf und Familie allgemein hat noch eine philosophische Dimension. Dieser Zwang, sich entscheiden zu müssen für eine Seite, Familie oder Wissenschaft, ist fest verwurzelt in unsere Denkwelt. Aber nicht Hamlet ist gemeint, der gleich mit dem ganzen Sein oder Nicht-Sein hadert, sondern der stete Auf- und Abschwung von Kalkül und Gefühl. Brachte die Aufklärung den Durchbruch des Verstandes, der Wissenschaft und der Technik, so gab es immer wieder auch gegenläufige Phasen, welche eine Wiederkehr von Gefühlswelt und Mystik sahen. Die Bewegung der 68er war das letzte grosse Aufbäumen des Irrationalen, momentan herrscht eher wieder ein kalkulierter, nüchterner Manager-Geist.

Erich Fromm beschrieb diesen Gegensatz in seinem bekannten Werk „Haben oder Sein“. Das Haben charakterisiert er als negativ, als Inbegriff des kurzen rauschhaften Konsums, welcher stets nach mehr giert, ohne Grenzen zu kennen. Im Gegenzug ist das Sein geprägt von aktivem Erleben, von der Freude an kleinen Dingen, ohne sich diese gleich einverleiben zu wollen. Und jeder Mensch muss sich entscheiden für eine Seite, für Sein oder Haben. Genau wie die junge Wissenschaftlerin sich vor der Wahl sieht, ob sie sich für eine wissenschaftliche Karriere oder die Familiengründung entscheidet.

Doch diese totale Kluft zwischen den beiden Wegen resultiert doch nur aus einem begrenzten Denkansatz, welcher Kalkül und Gefühl als unüberwindbare Gegensätze darstellt. Wir brauchen ein mehrdimensionales Denken, bei welchem das Rationale und das Emotionale verschiedene, einander nicht ausschliessende Ausprägungen sind. Doch dafür gilt es die einengenden Fragestellungen, wie eben die nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie, über Bord zu werfen.

Referenzen

Gerhard Schulze, Jenseits von Haben oder Sein, NZZ am 30.07.2007

Martin Spiewak, Dr. habil Kinderlos, DIE ZEIT am 06.04.2006