jaws wide shut

Ihre grünen Augen sind ganz nah, über mir. Sie schaut konzentriert und arbeitet mit Schweizer Präzision. Ich sitze hilflos da, mit offenem Mund. In Griffweite sehe ich eine Schale mit Instrumenten, die meisten haben spitze Enden und sind leicht gebogen. Wieder wechselt sie das Werkzeug, legt eines mit blutverschmiertem Ende zur Seite. Ihr Blick sagt so etwas wie: na, das kann noch ein Weilchen gehen. Ihre Lippen sind bedeckt von einem Mundschutz. Ist vielleicht besser so, man kann sich bei ihrem Beruf leicht vorstellen, dass da gelegentlich ein leichtes Lächeln auftaucht, wenn sich der vorher noch so tapfere junge Mann, der sich ohne Betäubung behandeln lässt, beim einen oder anderen Zahn ein Zusammenkneifen der Augen nicht verkneifen kann. Ja, es tut weh! Ich hasse Zahnstein. Und jedes einzelne Stück Schokolade, was ich gegessen habe. Und jedes Guetzli (=Keks), welches ich gedankenverloren auf der Suche nach dem schnellen Zucker zwischen meinen Zähnen zermalmte. Ich bereue. Ich werde niemals wieder essen, ich weiß es ganz genau.

“Bitte spülen.”

Ich spucke Blut und spüle meinen Mund aus, diesen angeschwollenen Klumpen. Das war also der Unterkiefer. Irgendeine Hoffnung habe ich, dass es beim Oberkiefer besser wird, Schwerkraft wirkt ja schließlich auch auf diese blöden Bakterien. Doch meine gute Dentalhygienikerin wird wieder pädagogisch. “Sie müssen besser putzen, bis hoch zum Zahnfleisch. Da schauen Sie, wie sich die Bakterien eingenistet haben.” Sie gibt mir einen kleinen Spiegel in die Hand und langt unter das Zahnfleisch eines Eckzahns. Ich sehe. Ich will es gar nicht so genau sehen. Es geht weiter. Schwerkraft gilt nicht für böse Mundbakterien. Kuchen werde ich auch nie wieder essen, ich bin völlig sicher. Nur das allernötigste, damit ich nicht umfalle. Warum habe ich auch so lange gewartet? Damals, in diesen lichten Endmonaten meiner Dresdner Zeit, hätte ich es durchaus noch schaffen können. Aber ich war ja zu beschäftigt mit Reisen, Leute treffen, Eis essen, Theaterbesuchen, Kuchen essen. Jetzt büße ich dafür, jeder Zahn ein Kapitel für sich, Zahnstein als eindeutig schlechtes Karma, welches sich so im Laufe der Zeit angesammelt hat. Und das auf wirklich jedem einzelnen Zahn.

“Bitte spülen.”

Ich spucke Blut. Aber das schreckt mich nicht mehr. Das war’s schon? Ein Ende des Martyriums? Polieren kommt noch, in meinem Mund macht sich so ein penetranter Minzgeschmack breit, als sie meine Beißer auf Hochglanz poliert.

“So, jetzt schaue ich noch, ob Sie Karies haben.”

Sie kratzt hier, schaut dort, ihre grünen Augen durchforsten ganz neutral meine Kiefer. Es ist ihr völlig egal, ob ich Karies habe oder nicht. Sie will eine präzise Diagnose stellen. Ich habe Angst. Es sind meine Zähne, und so schnell wollte ich keine Dritten. Angst bei jedem Innehalten, bei jedem Verweilen dieser Augen auf einem Zahn. Sie kratzt, testet, überprüft. Und ist zufrieden. Nur eine Füllung sei anscheinend herausgebrochen. Aber da ist sie nicht so sicher. Der Chef muss es richten.

Eine reparierte Zahnfüllung später darf ich wieder raus in die Freiheit. Es ist schön hier draußen. Mein Mund fühlt sich seltsam an, so fremd und kantig. Ich sehe jemanden genüsslich in einen Muffin beißen und wende mich voller Ekel ab. Nie wieder Süßes!