Rezension zu Alexander Kissler: "Der geklonte Mensch"

Der folgende Rezensionstext stammt von Alexander Duschau-Wicke, mit dem zusammen ich den Kurs Schreiben für Andere besuche. Ich habe es leider nicht ganz geschafft, zu dieser letzten Aufgabe etwas zu schreiben. Deshalb hier der Text von Alexander.

Kisslers Klonsorgen

von Alexander Duschau-Wicke

Alexander Kissler macht sich Sorgen. Der Mensch schickt sich an, sein Wesen gezielt zu verändern, dabei möglicherweise sein Menschsein aufzugeben und so zu einem Neo-Menschen zu werden. Zudem haben die Protagonisten dieser Entwicklung – die Sinne vernebelt von der grassierenden Seuche der Evolutionstheorie – den Schneid, im Menschen nicht mehr als ein “Tier mit Bewusstsein” zu sehen, ihm somit also auch noch seine gottgegebene, eigene Wesenskategorie und die darin verwurzelten Privilegien abzusprechen. Um die Gesellschaft ob dieser Bedrohung wachzurütteln, greift Kissler, der sonst über den deutschen Papst oder für das Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” schreibt, in seinem Buch “Der geklonte Mensch” tief in die Schublade des gebildeten Populismus.

Als unterhaltsames Heldenepos inszeniert, macht das Beispiel des koreanischen Forschers Hwang Woo Suk, dessen Ergebnisse zum Klonen menschlicher Embryonen Ende 2005 als Fälschung entlarvt wurden, dem Leser unmissverständlich klar, dass den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung prinzipiell nicht zu trauen sei. Um an Geld und Ruhm zu gelangen, würden Mitarbeiter ausgebeutet und Resultate vorgegaukelt, Unstimmigkeiten aus Sensationsgier und Erfolgsdruck unter den Teppich gekehrt.

Nachdem er genügend Misstrauen gegenüber den Forschenden gesät hat, begibt sich Kissler auf die Suche nach der Wurzel des Übels, das in Gestalt des gefährlichen Menschenoptimierungsdranges daherkommt. Er findet sie in den Utopien von der Antike bis zur Gegenwart, die – obwohl eigentlich nicht unbedingt zu diesem Zweck geschrieben – die entsprechenden Begehrlichkeiten achgerufen hätten und in den Visionen der Forscher von heute weiterlebten.

Die von ihm vermutlich zutiefst bedauerte Tatsache, dass die schriftlichen Zeugnisse dieser volksverwirrenden Gedanken sowie Darwins gesammelte Werke nicht beizeiten verbrannt wurden, muss Kissler nun ausbaden und wütend konstatieren, die so Infizierten würden von Moral überhaupt nichts mehr wissen wollen und legten sich ihre ersatzweise hoch gehaltene Ethik jeweils so zurecht, wie es ihnen gerade am besten in die Forschungsplanung passe. Zu allem Überfluss würden sich nun auch noch die durch ihre subversiven Philosophen Francis Bacon, John Locke und David Hume bereits im 17. und 18. Jahrhundert verdorbenen, unmoralischen Angelsachsen anschicken, den Begriff der Würde aus der kontinentaleuropäischen Ethik verschwinden zu lassen, indem sie diese

mit ihrer Forderung nach Freiheit unterwanderten. Die Folge sei, dass nicht mehr gefragt werde, was richtig, sondern nur noch, was möglich sei. Sobald sich auch nur der kleinste Hoffnungsschimmer zeige, eine neue Entwicklung könne die Lebensqualität der Menschen verbessern oder Leid verhindern, scheine dies automatisch auch immer die Verpflichtung nach sich zu ziehen, dieser Gelegenheit nachzugehen.

Nach einer unterhaltsamen, aber wenig zur Argumentation beitragenden Rundreise durch die bereits vielfältig vom Klonen durchsetzte (Pop-)Kultur der Gegenwart, schliesst Kissler seine Sorgenschau mit einem beleidigten Schlag auf den imaginären

Diskussionstisch: Nicht die dessen so oft gescholtenen Vertreter kirchlicher Glaubenslehren seien heute die eigentlichen Dogmatiker, sondern die in ihrer Kompromisslosigkeit verhafteten Naturforscher, denen “alles andere als ein jederzeit

naturwissenschaftliches Weltverständnis suspekt” sei. Von unreflektierten Grundsatzpositionen aus würden diese ihre Feinde diffamieren, so dass ein fruchtbarer Dialog gar nicht erst entstehen könne. Dass Kissler selbst im ersten Kapitel seines Buches über die spanische Affenrechtsbewegung spottet, weil diese seinen in diesem Kontext völlig unreflektierten Glauben, etwas “Besonderes” unterscheide den Menschen von allen anderen Lebewesen, nicht teilt, hat er knappe zweihundert Seiten später offenbar bereits wieder vergessen. Merkwürdig mutet auch die Wahrnehmungsspaltung des Autors an. Einerseits bemüht er sich im Falle Hwang Woo Suks, bei jeder Gelegenheit zu betonen, wie wenig realistisch doch das erfolgreiche Klonen von Menschen sei, und korrigiert penibel alle, die in der Überzeugung argumentieren, diese Möglichkeit stehe kurz bevor; andererseits wird die auf dem Klonen von Menschen basierende, unmittelbar drohende Selbst-Entmenschlichung des Homo sapiens in ständig neuen Farben immer wieder als Schreckensbild an jede sich bietende Wand gemalt.

Trotz all dieser Ungereimtheiten, trotz der konsequenten Substitution von stringenter Argumentation durch episodische, sensationsheischende Beispiele und des damit verbundenen konservativ-populistischen Beigeschmacks erhascht man in Kisslers Buch von Zeit zu Zeit einen interessanten und herausfordernden Gedanken, mit dem man sich gerne weiter auseinandersetzen würde. Doch dazu fehlt leider ein strukturierter Kontext, der diese Gedanken einordnen helfen würde, oder zumindest der rote Faden einer nachvollziehbaren Denkrichtung. So bleibt der Leser mit einigen, wenig zusammenhängenden Fragen und letztlich vor allem einer Erkenntnis zurück: Alexander Kissler macht sich Sorgen.

Alexander Kissler:

“Der geklonte Mensch”. Das Spiel mit Technik, Träumen und Geld. Verlag Herder,

Freiburg im Breisgau 2006. 224 S., geb., 19,90 [Euro].

Kontext:

Buchbesprechungs-Seite einer Hochschulzeitung