Schreiben für Andere, zweite Eigenleistung

Der zweite Eigenbeitrag zum Kurs Schreiben für Andere bestand darin, zum Manifest der Hirnforscher einen Beitrag zu schreiben. Die Form war wie immer frei gestellt, ebenso der Publikationsrahmen. Das Manifest veröffentlichten einige der führenden deutschen Neurowissenschaftler 2004. Sie schrieben über den Stand ihrer Wissenschaft und die zu erwartenden Erkenntnisse in zehn, bzw. zwanzig-dreißig Jahren.

Die Gedanken sind frei

Bald sind die Gedanken nicht mehr frei. Denn schon in naher Zukunft wird die Vorstellung vom freien Willen nicht mehr haltbar sein. In 20 bis 30 Jahren – so führende deutsche Neurowissenschaftler in ihrem „Manifest der Hirnforscher“ – wird sich der Dualismus von Geist und Körper leise verabschiedet haben, widerlegt durch wissenschaftliche Befunde der Neurowissenschaften. Ein neues Menschenbild wird dann notwendig sein. Wie dieses jedoch aussehen wird, wie es in immer weniger Freiraum unverstandener neuronaler Vorgänge sich einpassen wird, darüber schweigen die Autoren des Manifests.

Durch die in den letzten Jahren erzielten Fortschritte im Gebiet der Neurowissenschaften fühlten sich einige führende deutsche Neurowissenschaftler veranlasst, auf die Möglichkeiten, Grenzen und Konsequenzen ihrer Wissenschaft hinzuweisen. Dabei legten sie mit dem „Manifest der Hirnforscher“ ein Dokument vor, das den Spagat zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und Allgemeinverständlichkeit wagt. Dies resultiert in einer Mischung aus nur schwer verständlichen Abkürzungen und Methoden – wer kennt schon PET, EEG, MEG, Patch-Clamp-Technik und Xenopus-Oocyten-Expressionssystem – und anschaulichen Metaphern. So vergleichen sie die Bildgebungsverfahren, welche einen erhöhten Energiebedarf bestimmter Hirnregionen feststellen, damit, von einem Rechner die Leistung zu bestimmen, während er bestimmte Aufgaben löst. Dieses Bild war gewählt, um die Begrenztheit dieses Verfahrens zu zeigen, denn der genaue Ort von Aktivitäten erklärt diese noch lange nicht grundlegend.

Positiv zu werten ist vor allem die Ehrlichkeit, mit der die Forscher auf Grenzen eingehen. So wären momentan zwar die oberste (Hirnareale) und unterste Ebene (Neuronen) des Gehirns ganz gut verstanden, aber völlig unklar sei das Zusammenwirken von Verbänden von Neuronen, also der mittleren Ebene. Die großen Fragen der Neurowissenschaften nach der Entstehung von Bewusstsein und Ich-Erleben, nach der Verknüpfung von rationalem und emotionalem Handeln und nach dem freien Willen könnten aber nur beantwortet werden, wenn auch auf dieser mittleren Ebene Fortschritte erzielt würden.

Dass sie dennoch die Lösung dieser Probleme in Aussicht stellen, kann man entweder als gewagte Prognose oder als Selbstschutz betrachten. Denn wie in der Teilchenphysik existiert auch in diesem Feld ein Drang, immer größere und damit zwangsläufig auch teurere Anlagen aufzubauen. Damit, so das Versprechen, könnten präzisere Messungen (räumlich und zeitlich) durchgeführt werden, um den ungelösten Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Es stellt sich auch in den Neurowissenschaften die Frage nach Legitimation, nach den ökonomischen Grenzen des Wissensdurstes.

Interessanterweise vergleichen auch die Autoren diese beiden Gebiete, jedoch mit anderer Absicht. Ähnlich wie klassische und Quantenmechanik verhielten sich auch heutige Erklärungsmodelle für neuronale Prozesse und einer zukünftig notwendigen, einheitlichen „Theorie des Gehirns“.

Aber wenn der Vergleich mit der Teilchenphysik so gern und ausgiebig gewählt wird, so drängen sich daraus resultierend auch Fragen auf. Inwieweit kann man das Gehirn überhaupt verstehen? Die Physik erfuhr durch die Quantenmechanik eine einheitliche, aber sehr abstrakte Erklärung, durch den stochastischen Charakter subatomarer Vorgänge verschließen sich diese der genauen Messung. Ähnliches ist für die Neurowissenschaften zu erwarten, da neuronale Netze einen hochdynamischen, nichtlinearen Charakter besitzen und im Verbund neue Eigenschaften hervortreten können. Und somit wird sich das, was eigentlich interessiert, für immer der Forschung entziehen. Wir werden niemals verstehen, wie ein Gedanke entsteht und auch die Frage nach dem Bewusstsein lässt sich bestenfalls anreißen. Hier machen die Autoren im eigenen Interesse großzügig Versprechungen, um sich auch die finanzielle Zukunft ihrer Forschung zu sichern. Denn wenn in 20-30 Jahren das öffentliche Interesse um die Neurowissenschaften abnehmen wird, werden auch die Verteilkämpfe um die knapper werdenden finanziellen Ressourcen heftiger. So wie dies heute schon im Bereich der Physik zu beobachten ist.

Doch selbst wenn wider Erwarten die Natur von Gedanken entschlüsselt werden sollte, wenn Denken, Bewusstsein, Vorstellung und Phantasie als natürliche Vorgänge erklärbar sind, die Faszination um die Schönheit und individuelle Ausprägung von Denken und Fühlen wird immer erhalten bleiben. Schönheit ist nicht wissenschaftlich erklärbar. In dieser Hinsicht sind die Gedanken noch immer frei und werden es auch bleiben.