grenzen des wissens (eigener artikel zum thema)

Im Rahmen einer Lehrveranstaltung habe ich mal die Vortragsnotizen (siehe älterer Weblog-Eintrag) in einen Artikel überführt. Bitte gebt mir bis morgen (2.11. um 13:00) Feedback! Dann muss ich den Artikel abschicken.

Grenzen des Wissens

An der Grenze erwartet den erholungsbedürftigen Urlauber normalerweise eine Passkontrolle, bevor er dann endlich ins andere Land, zum Ferienziel weiterreisen kann. Grenze als Trennlinie, die zwar selbst nicht existiert, aber zwei Bereiche voneinander trennt. Die Frage, inwieweit Wissen an seine Grenzen gelangt, beziehungsweise wie es hinter dieser Grenze weitergeht, versucht die Vortragsreihe “An den Grenzen des Wissens” der Universität und ETH Zürich zu beantworten. Zur Eröffnung der Vortragsreihe sprach Prof. Jürgen Mittelstrass, ihm fiel unter dem Titel „Was bedeutet ‚Grenzen des Wissens’?“ die Einführung und Definitionsmacht dieses vielschichtigen Themas zu. Jürgen Mittelstrass, geboren 1936 in Düsseldorf, ist Professor an der Universität Konstanz und Direktor des Zentrums Philosophie und Wissenschaftstheorie.

Zur Einstimmung erläuterte Prof. Mittelstrass die Begriffe Wissen und Grenze im alltäglichen Gebrauch. Persönlich weiss ein jeder zwischen Wissen und Nichtwissen zu unterscheiden, jedoch existieren zwischen diesen Extremen auch die Grautöne Halbwissen, Meinen oder Vorstellen. Die Begrenztheit und Fehlbarkeit des eigenen Wissens ist somit eine alltägliche Erfahrung und führt oft zu einer gesunden Skepsis gegenüber dem ebenso begrenzten und fehlbaren Wissen der Anderen. Auch andere Grenzen sind uns bestens vertraut, körperliche, intellektuelle Grenzen und solche des Glücks kennen wir, sie prägen die gesamte menschliche Existenz (Conditio Humana).

Zuerst setzte der Redner die Grenzen des Wissens mit dessen Ende gleich. In dieser Bedeutung des Begrenztseins ist irgendwann ein Ende erreicht, die Wissenschaft wäre am Ziel, da alle anliegenden Probleme gelöst, erforscht und erklärt sind. Schon oft war vom absehbaren Ende der Wissenschaft die Rede. Dann wäre der Erfolg der Wissenschaft gleichzeitig ihr Sargnagel, übrig blieben nur Aufräumarbeiten für Kleingeister.

Dem entgegen steht die Metapher der Wissenskugel. Diese stammt aus dem täglichen Erleben von Wissenschaftlern, die mit jedem gelösten Problem neue Fragen heranwachsen sehen. Dies lässt sich als Kugel des Wissens veranschaulichen. Diese schwimmt in einem Universum des Unwissens, der Begriff der Grenze zwischen Wissen und Unwissen ist in diesem Bild zentral, stellt doch die Grenzfläche das bekannte Unwissen dar. Pessimisten würden nun feststellen, dass ganz offensichtlich das Wissen (=Radius) langsamer wächst als das Unwissen (=Oberfläche), schliesslich ist die Oberfläche proportional zum Quadrat des Radius. Jedoch halten Optimisten entgegen, dass das Wissen ja eher mit dem Volumen der Kugel gleichzusetzen sei und somit schneller wachse als die Oberfläche, nämlich mit der dritten Potenz. Nach dieser Metapher nun wäre die Frage nach dem Ende des Wissens müssig, da sich die Kugel endlos ausdehnen kann.

Die Wissenschaftstheorie beleuchtet andere Aspekte, Grenzen des Wissens lassen sich demnach durch die asymptotische Ausschöpfung der Natur oder der Informationskapazität erreichen, letzteres zum Beispiel durch die begrenzte Genauigkeit von Messinstrumenten. Auf der anderen Seite kann man argumentieren, dass es letztlich die Fragen und (Anwendungs-)Zwecke sind, welche die Wissenschaft steuern. Und da die Anzahl möglicher Fragen und Zwecke unbegrenzt ist, gilt selbiges für die Wissenschaft, wohlgemerkt auf der theoretischen Ebene. Zum Beispiel könnte man das Verhalten eines beliebigen Systems voraussagen, wenn man den Anfangszustand und die es bestimmenden Gesetzmässigkeiten kennen würde. Aus den Prinzipien der Quantenmechanik (Planck, Heisenberg) folgt jedoch, dass dieses Unterfangen schon an der Bestimmung des Anfangszustandes scheitert, da man niemals gleichzeitig den Ort und den Impuls eines subatomaren Teilchens bestimmen kann.

Grenzen praktischer Art stellen sich durch ökonomische Machbarkeit und ethische Prinzipien ein. So hat man im Bereich der Atomphysik bereits viele Milliarden und Mannjahre in die Erforschung subatomarer Teilchen (z.B. Quarks) gesteckt. Die Beantwortung weiterer Fragen kann nur mit noch grösseren Teilchenbeschleunigern erreicht werden, so dass mit begrenzten finanziellen Mitteln eine klare Grenze des Wissensdurstes gesetzt ist. Im Bereich der Gentechnik kommen ethische Fragen zum Tragen. Nicht alles, was technisch möglich ist, sollte umgesetzt werden. Somit ist die Wissenschaft auch normativ geprägt, sie darf nicht alles, was sie will.

Zuletzt ergibt sich als Fazit des Vortrages, dass der Fortschritt der Wissenschaft nicht abschliessbar ist, da Wissen stets korrigierbar und irrtumsanfällig ist. Theoretisch gibt es also keine Grenzen, vielmehr wird die Wissenschaft durch die praktischen Aspekte der Ökonomie, Ethik und Irrtumswahrscheinlichkeit begrenzt. Und das, so der Schlusssatz, ist gut so, denn ohne theoretische Grenzen wäre Wissenschaft eine Episode in der menschlichen Geschichte, ohne praktische Grenzen ein Fluch.