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Allein. Allein in der Jugendherberge am Ende der Welt. Allein mit den anderen Gästen. Allein mit den Pferden. Fast allein. Ausreichend allein.

Drei blaue Häuser stehen am Ende der Welt. An diesem Ende, danach kommt nichts. Was kommt, sind Wiesen, Berge, Vögel, Robben, Strand und Mehr. Es ist nicht nichts, sondern alles. Es ist Erholung, Einsamkeit, Ruhe. Platz zum Wandern, einfach so irgendwohin. Über die Wiesen. Vorbei an Vögeln. Wenn man Glück hat, sieht man die Robben auf den Sandbänken. Und dann kommt das Wasser. Noch nicht ganz der Atlantik, eine Sandzunge trennt uns davon. Treibholz schwemmt es an. Praktisch, denn Bäume sucht man vergebens. Vielleicht ist es einfach diese Weite, welche so wohltuend wirkt. Eine flache Weite mit viel Himmel.

Ein Kind putzt Fenster. Familienbetrieb, alle packen mit an. Sommerferien mit weißen Nächten, zu Hause im blauen Haus am Ende der Welt. Idyllisch, so stellt man sich vor. Wahrscheinlich idyllischer ohne Touristen, weniger Arbeit. Im Herbst beginnt wieder die Schule, es geht ins Internat, weit weg von hier. Kurze Tage, viel zu lernen, die anderen Kinder. Diese Kinderaugen schauen mich an, durchs Fenster.

Eine lange Geröllstraße zum Ende der Welt. Wir passieren zwei oder drei Gehöfte, einen Schrottplatz und ein Fußballfeld. Dazu viele Schafe. Sie treten immer in Gruppen auf, zwei kleine Schafe werden von einem großen begleitet. Sie warten lange Zeit, doch sobald eine bestimmte Distanz unterschritten ist, fliehen sie panikartig. Das Winterfell hängt noch in Fetzen an ihren Körpern, ihnen blieb wohl das Scheren erspart. Muss ohnehin schwierig sein, all diese frei herumlaufenden Schafe einzufangen.

Gefährliche Vögel kreisen über uns hinter dem Ende der Welt. Wir haben uns ihren Nistplätzen genähert, jetzt möchten sie uns vertreiben. Große Vögel, eine braune Möwenart, schöne Vögel. Wenn sie nicht so direkt Kurs auf unsere Köpfe nehmen würden. Zum Glück haben wir Stöcke dabei. Auf den höchsten Punkt gehen sie. Unangenehm, wir weichen aus, machen einen großen Bogen. Hitchcocks Inspiration – Vögel zur Brutzeit.

Strand am Ende der Welt. Ein Boot liegt da, mit Rudern. Bereit zum Ablegen, wenn wir wüssten wohin. Fahle Treibholzstücken, zu Stapeln gehäuft, Grundstoff für Zäune und Häuser. Die Holzstruktur ging verloren, auf der langen Reise von Amerikas Gestaden, einiges stammt wohl gar aus Sibirien. Sich treiben lassen geht auch nicht ewig, plötzlich ein Ruck und die Erkenntnis, dass sich was ändert. Die ersten Siedler warfen – so wollen es die Legenden – ihre Stuhlpfosten ins Meer, da wo sie anlandeten, wurde schließlich die Siedlung gebaut. Reykjavik verdankt seine Lage demzufolge auch einer günstigen Strömung, welche die legendären Holzstücken in dieser nebligen Bucht an Land trieb. Der Siedler war nicht erfreut, seine ursprüngliche Anlandungsstelle zu Füßen des Vatnajökull-Gletschers erschien ihm wesentlich angenehmer. Aber die Götter hatten entschieden. In unserem Fall war es eine Angestellte des Jugendherbergs-Dachverbandes, welche unsere Reisestationen ausgewählt hat. Aufgrund dieser göttlichen Fügung hatte es uns an diesen abgeschiedenen Ort angetrieben.

Weiße Nacht am Ende der Welt. Es wird einfach nicht dunkel. Zumindest nicht richtig. Der Sonnenuntergang zieht sich hin, viel Zeit für schöne Fotos, wenn man so spät noch auf ist. Nebel zieht auf über den Wiesen, während sich der Himmel verfärbt. Schön ist’s hier am Ende der Welt.