spaziergang

Raus, weg vom Rechner, solange die Sonne scheint. Den Kopf frei bekommen.

Bilder einscannen, monotone Arbeit. Das Negativ wird eingespannt,

durchleuchtet, langsam abgefahren. Es rattert vor sich hin, wenn aus den runden

Farbkörnern eckige Pixel werden.

Den Fotoapparat habe ich dabei, als ich aus dem Haus gehe. Man kann nie wissen.

Insgeheim hoffe ich immer, Zeuge eines Verbrechens zu werden und ein gestochen

scharfes Bild davon zu machen. Natürlich aus sicherer Entfernung und unerkannt

von den Missetätern. Dann wäre ich ein Held, ein Teleobjektiv-Held. Bei der

Pressekonferenz (die man dann irgendwie einberuft, um diese Heldentat zu

würdigen) könnte ich dann sagen: “Danken Sie nicht mir, danken Sie dem

Hersteller dieser vorzüglichen Kameras und Objektive, danken Sie den vielen

unbekannten Ingenieuren, die mit kleinen Verbesserungen die Welt voranbringen

und den Kegel des Rampenlichts scheuen. Sie haben dies möglich gemacht, was vor

100 Jahren noch undekbar gewesen wäre, als jedes Foto noch eine

Vorbereitungszeit von einer halben Stunde erforderte.”

Es geht den Berg hoch, zum alten Dorfkern Witikons. Ein paar Weinreben stehen

verloren am Hang, alle zusammen ergeben vielleicht dreißig Flaschen Weißwein,

bestimmt ein edler, sehr trockener Tropfen. Der Miniaturwinzer benötigt dann

bestimmt auch nur ein einziges Fass pro Jahrgang, um seine flüssigen

Kostbarkeiten zu lagern.

Rund um eine kleine Kirche, welche erhöht auf dem Berg steht, gruppieren sich ein paar alte Häuser und Gehöfte. Die Kirche bildet den Mittelpunkt dieses übrig gebliebenen Ensembles, dieses alt gebliebenen Orts inmitten pragmatisch-moderner Wohnhäuser. Natürlich ist sie nicht zu vergleichen mit der Hallgrimskirkja, deren Bilder – gerade erst gescannt – mich einfach nicht loslassen wollen. Dieses Meisterwerk moderner Architektur! Es vereint die quaderförmigen basaltischen Formen, welche die Insel ausmachen mit einer aus dem Boden wachsenden Rundung, die hinauf zum Himmel zielt. Am schönsten natürlich zur Abendzeit, wenn die tief stehende Sonne dem grauen Beton zauberhafte Farben entlockt.

Dieses Foto ist hart erarbeitet. Vom Weststrand Reykjaviks lief ich – rannte ich zurück zum Hügel, auf dem die Kirche steht. Die Sonne hatte sich gezeigt, nach einem dieser langen, regenverhangenen Sommertage, die typisch sind für Island. Voller Freude stand ich am steinigen Strand, vor meinen Augen eine bronzene Sonnenuntergangsszene.

Ich begann sogar, die hässlichen Wohnhäuser zu fotografieren, deren trübe Farben sich in ein wahres Farbspektakel verwandelten. Plötzlich durchzuckte mich der Gedanke, die unbestimmte Hoffnung, zurück zu laufen zur Hallgrimskirkja, jener Kirche, die ich in mein Herz geschlossen hatte. Es ist ein ganzes Stück bis dahin, und rund um mich veränderten sich die Farben mit jedem Augenblick. Das strahlende Gelb des Beginns schwächte sich immer mehr ab, verausgabte sich wie ich beim Laufen. Mit jedem Schritt wurde es ein wenig dunkler, das Licht immer rötlicher. Wenige Minuten später hätte ich das Foto gar nicht mehr machen können.

Der Sonnenuntergang hier oben auf dem Witikoner Kirchberg und -friedhof gestaltete sich weniger dramatisch. Mich zog es weiter, eigentlich wollte ich auf diese schöne Bank mit Blick runter zur Stadt. Im Rücken die Gräber, vorn die abendliche Stadt – aber ein eng umschlungenes Pärchen war mir da zuvorgekommen. Friedhofsromantik. Der gewundene Pfad geht zur Hauptstraße, dort stehen neu erbaute Häuser, pragmatische Klötzer.

Wie in Akureyri, als wir einen unserer geschwisterlichen Spaziergänge machten, auch dort liefen wir an einer trostlos bebauten Straße oberhalb der Stadt entlang. Es regnete, mich hatte auch schon die große Lust am Fotografieren verlassen. Das geht mir immer so, wenn ich eine gewissen Anzahl an schönen Fotos gemacht hat, wie so eine Art Messlatte an minimaler Bildschönheit, welche bei jenem Spaziergang in der nördlichen “Metropole” Islands niemals ernsthaft in Gefahr geriet, angetastet zu werden. Am schönsten dort war es in der Kirche, als eine Band probte. Orgel, Violine, Tenor. Eine bekannte Melodie, eigentlich ein schnulziges Liebeslied. Aber in diese Kirche passte es rein, italienisch gesungen, Orgelbegleitung, vielleicht hörten wir ja auch das eigentliche Vorbild des bekannten Liedes. Die Ursprungsfassung, welche von dieser Gruppe dann verschnulzt und bekannt gemacht wurde. Lustig auch unsere Unterkunft, eine kleine Hütte, die wir zuerst für einen Geräteschuppen gehalten hatten. Nein, ich habe auch dies nicht fotografiert, kein einziges Bild wandelte ich von diesem Regentag.

Ich bin jetzt über die Hauptstraße in Witikon gegangen, vor mir liegen jene trostlosen Wohnhäuser, die mich immer an die Plattenbauten in Dresden erinnern. Sie sind zwar nicht ganz so grau und die Menschendichte ist auch etwas geringer als in den Straßen von Prohlis und Gorbitz, aber das Prinzip ist identisch. Es will halt auch niemand in gewagten architektonischen Meisterwerken wohnen, auch die Wohlhabenderen nicht, die ihre Einfamilienhäuser weiter unten haben, mit besserem Blick. Hie und da mal ein gewagtes rundes Bullaugenfenster, eine kühne halbschräge Linie, aber ansonsten dominiert im Wohnungsbereich Gewöhnlichkeit in standardisierten eckigen Formen.

Aber so richtig frei habe ich meinen Kopf dann wohl doch nicht bekommen. Zu stark habe ich diese Bilder vor Augen, welche ich am Rechner jeweils noch ein wenig verschönerte. Zuerst gerade machen, der Horizont muss waagerecht sein, insbesondere wenn Wasser im Spiel ist. Danach poliere ich die Farben auf, bzw. überlasse das meist dem Programm, welches mit unerfindlichen Algorithmen bislang jeden Gelbstich erfolgreich entfernt hat. Doch diese zwar nur geistige, dennoch anstrengende Tätigkeit ist erst mal vorbei. Jetzt kann ich mich auf ganz andere Dinge konzentrieren, am besten mal aufs Nichtstun. Einfach enspannen, an nichts denken. Aber da bin ich nicht so gut drin, muss mich immer ziemlich stark konzentrieren, sonst schweifen meine Gedanken sofort ab.