arbeitsnotizen kassandra

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Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war das letzte, was sie sah. Ein lange vergessener Feind und die Jahrhunderte, Sonne, Regen Wind haben sie geschleift. Unverändert der Himmel, ein tiefblauer Block, hoch, weit. Nah die zyklopisch gefügten Mauern, heute wie gestern, die dem Weg die Richtung geben: zum Tor hin, unter dem kein Blut hervorquillt. Ins Finstere. Ins Schlachthaus. Und allein.

Mit der Erzählung gehe ich in den Tod.

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Der Anfang – das Ende dieses Buches von Christa Wolf lässt mich ein neues Wort schreiben: Endfang. Obwohl, vielleicht ist Ande besser, prägnanter, wenngleich der Anfang zu wenig durchkommt. Aber nein, ich möchte ein wenig meine Gedanken ordnen, da mich dieses Buch so mitgerissen hat, dass ich es an zwei Tagen verschlang. Und wir haben ja bald Literaturzirkel, da möchte ich als Diskussionsleiter ja schließlich vorbereitet sein.

Kassandra – Selbstbeschreibung

Kassandra als Seherin

S. 6: _Warum wollte ich die Sehergabe unbedingt?

Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, andres habe ich nicht gewollt._

S. 34: Ich sah nichts. Mit der Sehergabe überfordert, war ich blind. Sah nur, was da war, so gut wie nichts. Durch den Jahreslauf des Gottes und die Forderungen des Palastes wurde mein Leben bestimmt. Man könnte auch sagen: erdrückt. Ich kannte es nicht anders. Lebte von Ereignis zu Ereignis, die, angeblich, die Geschichte unseres Königshauses ausmachten. Ereignisse, die süchtig machen, auf immer neue Ereignisse, zuletzt auf Krieg.

S. 45: Ich wollte Priesterin werden. Ich wollte die Sehergabe, unbedingt.

Kassandra und Aineias

S. 7: Warum nicht ich, mit ihm (Aineias)? Die Frage stellte sich nicht. Er, der sie mir stellen wollte, hat sie zuletzt zurückgenommen.

Die Frage, warum Kassandra lieber in ihr Verderben geht, anstatt mit Aineias zu fliehen, wird später beantwortet. Das Nichtstellen der Frage ist reine Erzählwillkür.

Veränderung der Menschen durch den Krieg

S. 26: Nie war ich lebendiger als in der Stunde meines Todes, jetzt.

Kassandra beschreibt, wie der Krieg die Menschen veränderte. Bei ihrer Mutter Hekabe stellte sie fest, dass sie immer mitfühlender, lebendiger wurde. Wie sie selbst. Die Unglücksfälle, der Tod ihrer Brüder, die einer nach dem anderen starben, meist durch Achilles’ Hand, all das machte die einen härter, unnahbarer, die anderen weicher, lebendiger. Vielleicht auch eine Anspielung auf den Unterschied zwischen Mann und Frau, die Männder als stumpfe Helden wider Willen, die Frauen als empfindsam, mitfühlend.

S. 77: Aber wo leben wir denn? Ich muß mich scharf erinnern: Sprach in Troia irgendein Mensch vom Krieg? Nein. Er wäre bestraft worden. In aller Unschuld und besten Gewissen bereiteten wir ihn vor. Sein erstes Zeichen: Wir richteten uns nach dem Feind. Wozu brauchten wir den?

Der schleichende Übergang vom Frieden zum Krieg ist ein weiteres Leitmotiv des Buches. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, an welcher Stelle man hätte das Schicksal abwenden können, sucht nach Beantwortung.

Zeugnis ablegen

S. 28: Ich will Zeugin bleiben, auch wenn es keinen einzigen Menschen mehr geben wird, der mir mein Zeugnis abverlangt.

Ida-Berg als Gegenwelt

S. 59: Wieder im Umkreis der Stadt diese Neben-, ja Gegenwelt, die, anders als als die steinerne Palast- und Stadtwelt, pflanzenhaft wuchs und wucherte, üppig, unbekümmert, so als brauche sie den Palast nicht, so als lebte sie von ihm abgewandt, also auch von mir.

S. 60: Was hat alles geschehen müssen, eh diese Hütte mein wirkliches Heim geworden ist.

S. 63: Lange schon trafen wir uns abends am Hang des Ida-Bergs vor den Höhlen, wir Frauen.

Die urwüchsige Gegend am Ida-Berg steht als Gegensatz zur steinernen, von starren Regeln geprägten Palastwelt. Kassandra wendet sich im Verlauf des Krieges mehr und mehr dieser Welt zu, ohne jedoch der Palast-Welt vollständig entrinnen zu können.

Achill, Held der Griechen

S. 88: _Aber Achill. Achill das Vieh ließ sich auf des Knaben Angebot nciht ein. Vielleicht verstand ers nicht. Achill erhob sein Schwert, was er mit beiden Händen packte, hoch über den Kopf und ließ es auf den Bruder niedersausen. Für immer fielen alle Regeln in den Staub. So macht man das. …

Dann kam Achill das Vieh. Des Mörders Eintritt in den Tempel, der, als er im Eingang stand, verdunkelt wurde. Was wollte dieser Mensch. Was suchte er bewaffnet hier im Tempel. Gräßlichster Augenblick: Ich wußt es schon. Dann lachte er. Jedes Haar auf meinem Kopf stand mir zu Berge, und in die Augen meines Bruders trat der reine Schrecken. … Wie näherte sich dieser Feind dem Bruder. Als Mörder? Als Verführer? Ja gab es das denn: Mörderlust und Liebeslust in einem Mann?_

S. 99: Achill stellte nämlich allen nach: Jünglingen, nach denen ihn wirklich verlangte, und Mädchen, als Beweis, daß er wie alle war. Im Kampf ein Unhold, damit jeder sah, daß er nicht feige war, wußte er nichts mit sich anzufangen nach der Schlacht.

Wenn Brad Pitt diese Stelle gelesen hätte, hätte er die Rolle wohl abgelehnt. Achill nicht als strahlender Held, sondern als primitiver, schwuler Klotz, den erst der Tod seines Liebesgesellen Patroklos zu großen Heldentaten aufstacheln konnte.

Agamemnon, Heerführer der Griechen

S. 63: _Den Stoff zu diesem Kleid trug ein Sklave hinter dem unglückseligen Agamemnon her, als ich ihn auf unserem Markt zum erstenmal sah. Gleich mißfiel mir etwas an der Art seines Auftretens, herrisch drängte er sich an Arisbes Stand nach vorn, schob die Keramiken wählerisch hin und her und zerbrach eine der schönsten Vasen, die er, auf ein Wort von Arisbe, hastig bezahlte, um dann unter dem Gelächter der Zuschauer mit seinem Gefolge zu entfliehn. Er hatte gesehn, daß ich ihn gesehn hatte.

Der rächt sich, sagte ich zu Arisbe, und es beunruhigte mich tief, daß der große und berühmte Flottenführer der Griechen ein Schwächling ohne Selbstbewußtsein war._

Hektor, Held der Troianer

S. 69: Hektor zum Beispiel hielt sich zurück, sein mächtiger Körper ruhte am liebsten, bewundernd haben wir alle mit angesehen, wie er sich dann, ganz gegen seine Neigung, für den Krieg trainierte. Und für Andromache, das war nicht zu unterscheiden. Wie er laufen konnte – Götter! – als Achill das Vieh ihn um die Festung jagte.

Eumelos, Palastwachenanführer

S. 76: Die Leute des Eumelos waren an der Arbeit. Sie hatten Anhänger unter Palastschreibern und Tempeldienern gewonnen. Auch geistig müßten wir gerüstet sein, wenn der Grieche uns angreife. Die geistige Rüstung bestand in der Schmähung des Feindes (von Feind war schon die Rede, eh noch ein einziger Grieche ein Schiff bestiegen hatte) und im Argwohn gegen die, welche verdächtig waren, dem Feind in die Hände zu arbeiten: Panthoos der Grieche. Briseis, des abtrünnigen Kalchas Tochter.

Eumelos und seine Mannen sind oft mit der Stasi verglichen worden, dem Geheimdienst der ehemaligen DDR.