Dead Man Cycling

Polyterrasse. Von oben kann man über die Stadt schauen, sieht die spitzen Kirchtürme. Vorhof der ETH, zum Berg hin erhebt sich die glatte protzige Fassade des Hauptgebäudes. Erbaut von Semper, der auch schon den Weg von Sachsen hierher fand. Mein Fahrrad steht da oben. Ich komme aus den Katakomben, viele Stockwerke unterhalb der Terrasse, aus den Sporthallen. Ich bin fast tot. Die Treppen ziehen sich.

Volleyball war schön. Wenn ich den Ball kommen sehe und weiß, dass er zu mir kommt, es spüre, dann kann ich auch noch die letzten Kräfte mobilisieren. Zu oft habe ich das trainiert, zu oft die wenigen Schritte gemacht, um richtig zu stehen und den Ball anzunehmen. Es ist fest einprogrammiert. Wir spielten lange, bis ich nicht mehr konnte. Mir taten sogar die Unterarme weh, habe das lange nicht mehr gemacht, lange nicht mehr gespielt.

Ich schließe das Fahrrad los, mich graut es schon jetzt vor diesem letzten Berg. In meinem Zustand. Ich fahre los. Es geht ganz gut, da nur mäßig bergauf. Flache Stecken gibt es nicht hier in dieser Hügelstadt.

Und dann dieser Block. Der Angreifer sprang, er wollte es knallen lassen. Ich sprang etwas später, blockte. Der Ball prallte von meinem Unterarm zurück ins Feld, unhaltbar. Schöne Sache. Die Kraft des Gegners gegen ihn genutzt. Zum Leidwesen meines rechten Unterarmes.

Ich komme zum Klusplatz, kein Bus steht da. Vielleicht wäre ich sonst schwach geworden, hätte diesen Berg mit dem Bus bewältigt. Aber so nicht, meine Trägheit lässt mich weiter rollen. Schlyfi, ab hier wird’s ernst. Bis zum weißen Witiker Kirchturm geht es steil bergauf. Ein reichlicher Kilometer mit etlichen Höhenlinien. Runterzu musste ich bremsen, weil ich sonst ein Auto gerammt hätte. Hochzu quäle ich mich im fast kleinsten Gang, schleiche weiter. Der weiße Kirchturm ist noch nicht in Sicht.

Das letzte Volleyballspiel war eine einzige Qual. Die Angabe kam, ich nahm sie an, in Erwartung des Schmerzes. Auch der kam, etwas später. Und nochmal. Immer wieder. Wie ein Adler, der jeden Tag ein Stück des Körpers verzehrt.

Hinter mir nähert sich ein Fahrrad, noch ein Bergbezwinger. Er überholt mich, es ist ein Rentner. “Grüezi!” Ich grüße zurück, mir ist alles egal jetzt. Weiter, an Häusern vorbei, von Autos überholt, zum weißen Kirchturm.

Reformierte Kirche. Stark hier in Zürich. Zwingli, der große Reformator, predigte im Münster, fiel für seinen Glauben. Zwinglistraße in Dresden, da stieg ich manchmal um. Und der Kieferorthopäde war nicht weit, Beilstraße. Irgendwann zeigte meine Ärztin mein Gebiss einer Kollegin. Die war entsetzt. Ein Zahn hatte sich quergelegt, muss ausgesehen haben wie ein Steinbruch.

Der weiße Kirchturm! Geschafft, jetzt wird es etwas flacher und bald kann ich einbiegen in meine Straße. Die ist eben, man kann sich einfach rollen lassen. Ich bin da. Ganz tot.