Keine Meinung

Schon früh stellte er fest, dass er eigentlich gar nicht mitreden konnte. In all den Streitfragen, in denen sich die Erwachsenen unterhielten, manchmal regelrecht anschrien, fieberte er für beide Seiten mit. Wie bei einem Spiel zwischen der altvertrauten Mannschaft, von einem Ort, wo man lange Jahre gelebt hat, und der Mannschaft der neuen, unmittelbareren Umgebung. Er schwankte hin und her, freute sich über frivole Attacken, gelungene Konter und pathetischem Stillstand, beider Parteien.

Später lernte er, dass diese Haltung wissenschaftlich begründet ist, es gibt nicht das Absolute, sondern nur den Marktplatz der Meinungen, die einander gegenüber oder nebeneinander bestehen und um die Vorbeigehenden buhlen. Er lernte das Abwägen der Meinungen und das entscheidende Formulieren der Schlussfolgerung. Und in diese floss alles ein, Vor- und Nachteile, Pro und Contra, Varianten, Nebenpfade, einfach alles. Es gab also doch eine Wahrheit, wenngleich sie eben darin bestand, dass es keine Wahrheit gab, dass man die Meinungsmarktbuden kurz aufzählte und sich unter den gegebenen Umständen für eine entschied.

In Gesprächen erlebte man ihn dennoch lebhaft, sein Verständnis des gesamten, komplexen Meinungsgeschehens äußerte sich darin, dass er die fehlenden Meinungen immer zur Geltung kommen ließ. Seine Meinung hing also von der geäußerten Meinung der Gesprächspartner ab, er stellte stets die Gegenmannschaft, damit ein schönes Spiel zustande kam. Dabei kam es ihm weniger darauf an, Recht zu behalten, ganz im Gegenteil, oft ließ er aus Respekt die anderen gewinnen, die sich ja auch viel wichtiger nahmen als er. Die ihre Angriffe erbarmungslos ritten, denen Recht haben zu viel bedeutete. Er wollte ein schönes Spiel, konterte zuweilen bissig, war jedoch stets auf Fair Play bedacht.

Was wäre nun, wenn er auf jemanden träfe, welcher eine ähnliche Geisteshaltung besäße?Kann eine Diskussion starten, wenn beide Parteien spielerisch fair abwarten, welche Position der andere hat? Eigentlich nicht, wie auch ein Schachspiel zwischen zwei defensiven Spielern ein ödes Unterfangen ist. Defensiver Stil basiert auf Druck, dem er sich entgegenstemmen kann, Gleichgewicht kann sich nur so einstellen. Die Angriffe des Defensivspielers haben keine Wucht, dienen mehr dazu, den Gegner aus der Reserve zu locken, ihn zu jenem Angriffsspiel zu ermuntern, welches der defensive Spieler benötigt, um gegenzuhalten, um aus diesem Gleichgewicht heraus seine versteckten Dolche unter der Rüstung des Gegners hindurchzustoßen. Patt.